Kinder. Armut. Flüchtlinge.

Die 4. World Vision Kinderstudie gibt interessante und teils unerwartete Einblicke in die Lebenswelten der sechs- bis elf-Jährigen und ihre Haltungen zu Themen wie Familie, Schule, Flucht, Armut, Freundschaft und Mitbestimmung.

(Texte und Grafiken aus dem Pressematerial)

Mitfühlend und offen gegenüber Flüchtlingen

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Die Ergebnisse der World Vision Kinderstudie 2018 belegen: In Deutschland lebende Kinder im Grundschulalter sind mehrheitlich mitfühlend und offen geflüchteten Menschen gegenüber. Die Studie zeigt auch: Je mehr Kontakt zwischen den Kindern und geflüchteten Menschen stattfindet, desto positiver ist die Einstellung. Deshalb sind Begegnungen zwischen einheimischen und geflüchteten Kindern enorm wichtig für die Integration und den Abbau von Berührungsängsten auf beiden Seiten. Die Orte, an denen Begegnungen mit geflüchteten Menschen stattfinden, sind in erster Linie Schule und Wohngegend.

„Unsere Studie belegt: Je mehr Zeit einheimische und geflüchtete Kinder regelmäßig miteinander verbringen, desto besser ist es für beide Seiten.“ 

Gudrun Schattschneider, Leiterin Politik

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Räumliche Segregation

Kinder aus der unteren sozialen Schicht und Kinder mit Migrationshintergrund berichten häufiger als andere Kinder davon, geflüchtete Menschen in ihren Wohngegenden zu treffen – ein Anzeichen dafür, dass Unterkünfte für geflüchtete Menschen häufiger in Gegenden mit niedrigerem sozioökonomischem Status zu finden sind („räumliche Segregationseffekte“).

World Vision fordert, die Pläne für ANkER-Einrichtungen aufzugeben.

Begegnungen im Alltag zwischen geflüchteten und einheimischen Kindern sind zentral für die Integration, den Abbau von Ängsten und den Aufbau ganz normaler zwischenmenschlicher Beziehungen. Kinder müssen so schnell wie möglich in die Gesellschaft integriert werden. World Vision fordert deshalb die Pläne für bundesweit geplante Aufnahme- und Rückführungszentren, so genannte ANkER-Einrichtungen, aufzugeben.

Sprachbarrieren werden von den Kindern zwar wahrgenommen – 70% der befragten Kinder finden es problematisch, dass geflüchtete Kinder oft nicht gut Deutsch sprechen – die Verständigung gelingt allerdings dennoch mithilfe einer Mischung aus deutscher Sprache und der Verständigung „mit Händen und Füßen“.

Schon Grundschulkinder verstehen die grundsätzlichen Zusammenhänge von Flucht, Vertreibung und Asyl ohne Probleme. Der großen Mehrheit (82%) tun geflüchtete Menschen leid. Sie finden das Teilen mit geflüchteten Menschen grundsätzlich richtig (85%).

Ablehnende Haltungen

Ablehnende oder abgrenzende Haltungen geflüchteten Menschen gegenüber finden sich in der Altersgruppe der 6–11-jährigen eher selten: 27% der Kinder berichten, dass es häufig Streit mit geflüchteten Kindern gebe. 13% gehen davon aus, dass geflüchtete Kinder keinen Kontakt mit anderen Kindern wollten, und nur 10% der befragten Kinder finden, dass geflüchtete Kinder „hier eigentlich nicht her“ gehörten.

Aus den erhobenen Daten lassen sich Faktoren ablesen, welche die Wahrscheinlichkeit einer eher distanzierenden Haltung gegenüber geflüchteten Menschen erhöhen: Signifikant skeptischer geflüchteten Menschen gegenüber sind Kinder aus dem Osten Deutschlands. Hier spiegeln sich bereits belegte Ost-West-Unterschiede aus der Erwachsenenwelt. Die Macher der Studie warnen: Hier zeigt sich, wie früh eine fremdenfeindliche Atmosphäre auf die jüngsten Mitglieder der Gesellschaft abfärbt. Auch der sozioökonomische Status der Eltern spielt eine Rolle: Kinder aus der unteren Mittelschicht sind häufiger skeptisch als ihre Altersgenossen. Bei Kindern aus der untersten Schicht wird dieser Effekt durch den höheren Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund kompensiert. Kinder, die Opfer von Mobbing sind, haben ebenfalls häufiger eine ablehnende Haltung geflüchteten Menschen gegenüber.

Armut erleben

Wir hatten in diesem Blog bereits über den Zusammenhang von Armut und Bildungschancen berichtet. Dieses Thema wird durch die World-Vision-Studie weitergeführt:

Jedes fünfte in Deutschland lebende Kind erlebt sich bzw. seine Familie im Alltag als arm. Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommt die 4. World Vision Kinderstudie, in der Kinder von 6–11 Jahren zu ihrem subjektiven Erleben befragt werden.

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Doch damit nicht genug: Die Ergebnisse der Studie zeigen zudem eine Vielzahl von unbestreitbaren negativen Auswirkungen von erlebter Armut auf – in fast allen Lebensbereichen. Die Liste der Korrelationen ist lang und deprimierend:

  • Armutserleben geht bereits bei Kindern im Grundschulalter einher mit einem deutlich häufigerem Zuwendungsdefizit durch die Eltern.
  • Das Vertrauen in die eigenen schulischen Leistungen ist signifikant geringer.
  • Kinder in Armut betreiben deutlich häufiger exzessiven Medienkonsum.
  • Sie haben weniger Freunde, sind seltener in Vereinen aktiv und können seltener Freunde mit nach Hause nehmen.
  • Ihr Zugang zu Spielplätzen und Natur ist schlechter.
  • Die Angst vor Aggression und Konflikten ist bei dieser Gruppe deutlich stärker ausgeprägt.
  • Im Alltag erleben sich ärmere Kinder als weniger Selbstbestimmt als ihre Altersgenossen.
  • Dafür sind sie häufiger Opfer von Mobbing und Diskriminierung.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass auch die Lebenszufriedenheit dieser Kinder insgesamt deutlich geringer ausgeprägt ist als die der Gleichaltrigen, die keine Armut erleben.

„Kein anderer Faktor prägt Kinder so nachhaltig und umfassend negativ wie Armut im Elternhaus. Hier versagt die Politik bislang auf ganzer Linie.“ 

Gudrun Schattschneider, Leiterin Politik

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