Faktencheck #28: Resilienz revisited

Der Faktencheck #27 hat sich mit der PISA-Studie zur Resilienz befasst. Die Deutungen, die in der zugrunde gelegten Kurzfassung präsentiert wurden, sind – so hat sich herausgestellt – doch sehr umstritten.

Zunächst erreichte diesen Blog ein Kommentar von Carsten Wendelsdorf, der unterhalb des Blogbeitrags erschien und von daher nicht die Aufmerksamkeit erhält, der ihm gebührt. Deshalb sei er an dieser Stelle noch einmal abgedruckt.

Heute machte mich der Erziehungswissenschaftler Ulrich Steffens, der gerade eine faszinierende Reihe zur Schulqualitätsforschung herausgibt, auf einen Aufsatz von Eckhard Klieme aufmerksam: „PISA-Studie – alles schräg„, der genau heute auch in der ZEIT veröffentlicht wurde. Darin mahnt Klieme davor, die PISA-Daten zu überinterpretieren. Das folgende Zitat gibt einen Einblick in die Argumentation und könnte vielleicht Lust machen, den ganzen Aufsatz zu lesen:

Eckhard Klieme in der ZEIT

Schon lange wissen wir: Nach dem „Schock“ von 2001 stiegen die Pisa-Leistungen unseres Landes in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen deutlich an, vor allem in benachteiligten Gruppen. Die jetzt vorgestellte Auswertung bezeichnet nun alle Schüler als „resilient“, die es schaffen, trotz ungünstiger sozialer Verhältnisse beim Pisa-Test erfolgreich zu sein. Die Botschaft, der Anteil „resilienter“ Schüler nehme zu, wiederholt damit nur den oben genannten Befund. Alter Wein im neuen Schlauch. Doch das Etikett „Resilienz“ sorgt für öffentliche Aufmerksamkeit.

 

Beitrag von Carsten Wendelsdorf

PISA-Studien-Missbrauch als Reformkonzept?

„Sozial benachteiligte Schüler holen auf“ verbreitet die deutsche Presselandschaft auf Zuruf des OECD-Bildungsdirektors Andreas Schleicher in einer PISA-Sonderauswertung und redet gleich mal den Erfolg der Gesamtschulen herbei!
„Von 2006 nach 2015 stieg der Anteil der Schüler aus bildungsfernen Schichten, die den hohen Kompetenz-Level 3 erreichen, von 25,2% auf 32.3%“ schrieben die unkritischen Journalisten (ab) und schrieben damit ihren eigenen Nachruf auf ihre Glaubwürdigkeit bei der Beurteilung von Bildungsstudien!
Nicht in den propagierten 9 Jahren von 2006 bis 2015 hat Deutschland sich kontinuierlich verbessert, sondern es gab zwischen 2009 und 2012 drei „magische Jahre“ mit einem Sprung von 24,5% in 2009 auf 31,7% in 2012, wie in der Studie schnell nachzulesen ist! Zwischen 2006 und 2009 gab es genauso wenig eine Veränderung, wie zwischen 2012 und 2015!
Soviel „Gutes“ in nur drei Jahren und davor und danach nichts? Haben unsere Bildungspolitiker exakt 3 Jahre alles richtig gemacht?
Wurden alle Schulkonzepte innerhalb dieser drei magischen Jahre umgesetzt und dann nichts mehr?
Warum erwähnt der OECD-Direktor nicht diese drei Wunderjahre und zeigt uns auf, was dort richtig gemacht wurde?
Ganz einfach, er weiß es gar nicht! Denn zwischen der PISA Studie 2009 und 2012 änderte die OECD die Erfassung der sozialen Daten, welche für die Bewertung der obigen Qualitätssteigerung herangezogen werden, und weißt vorsorglich auf S. 249 sogar darauf hin, dass zeitliche Vergleiche mit Vorsicht zu betrachten sind, weil sich der ISCO-Kodierungs- Standards geändert hat!
Und was macht Herr Andreas Schleicher, Bildungsdirektor bei der OECD und damit verantwortlich für die PISA-Studien, daraus in 2018?
Er schlussfolgert den Erfolg der Gesamtschulen in Deutschland und gibt großspurige Bildungsempfehlungen in diese Richtung! Dann macht es auch nicht mehr den Kohl fett, dass zur Ganztagsbetreuung überhaupt keine PISA-Daten erhoben wurden und Herr Schleicher den brav abschreibenden Medienvertretern seine bildungsideologisch angefärbten Weißheiten in die Sendungen und Zeitungen diktiert!
Vor lauter ideologischer Umfärberei hat man ein wichtiges Ergebnis völlig übersehn:
Durch das Angebot von naturwissenschaftlichen Wettbewerben kann die naturwissenschaftliche Kompetenz der sozial benachteiligten Schüler dramatisch gesteigert werden! Die PISA Gewinner praktizieren das schon lange erfolgreich, aber die deutschen Bildungspolitiker investieren lieber Milliarden in neue Schulformen mit tollen Namen, statt in den Schulen solche naturwissenschaftlichen Wettbewerbe richtig zu fördern!
Wollen sie wissen, was ein Lehrer bekommt, wenn er Nachmittag für Nachmittag in der Schule eine Chemie-AG betreut?
Wenn er Glück hat, einen feuchten Händedruck!
Armes Bildungsdeutschland!!

Dr. Carsten Wendelstorf
Betreiber der facebook-Seite:
https://www.facebook.com/Schule.und.Bildungspolitik.in.der.Kritik

Literatur:

Hier die Links zu den Daten der verschiedenen PISA-Studien:

a) Die hier in der Presse verwendete Studie im Original, wo insbesondere S. 15 mit der wundersamen Verbesserung in 3 Jahren ins Auge sticht!
http://www.oecd-ilibrary.org/education/academic-resilience_e22490ac-en

http://www.oecd.org/berlin/publikationen/pisa-2015-resilienz.htm

b) Hier der Hinweis der PISA Studie 2013 auf die schwere Vergleichbarkeit der ISCO-Kodierung des sozialen Einflusses auf S. 249:
https://www.pisa.tum.de/fileadmin/w00bgi/www/Berichtsbaende_und_Zusammenfassungungen/PISA_EBook_ISBN3001.pdf

und hier der Hinweis im technical report der PISA Studie 2012 auf S. 351:
http://www.oecd.org/pisa/pisaproducts/PISA-2012-technical-report-final.pdf

c) Hier eine der wenigen kritischen Stimmen, die die Studie auch gelesen haben:
https://bildung-wissen.eu/fachbeitraege/die-verhuellung-durch-statistik-um-damit-politik-zu-machen.html

 

2 Kommentare

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