Faktencheck #27: Resilienz

Beitragsbild:  Zeichnung Christian Schlierkamp

Resilienz:

[1] Fähigkeit elastischen Materials, nach starker Verformung in den Ausgangszustand zurückzukehren

[2] Fähigkeit von Lebewesen, ökonomischen oder sonstigen Systemen, sich gegen erheblichen Druck von außen selbst zu behaupten

Es ist einigermaßen überraschend, eine PISA-Studie zur Resilienz präsentiert zu bekommen. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass es dabei um Chancengleichheit / Chancengerechtigkeit geht.

PISA-Definition von Resilienz

Der Zusammenhang eröffnet sich, wenn man sich die Definition von Resilienz zu Gemüte führt, die in der PISA-Studie angewendet wurde:

Der Begriff Resilienz bezeichnet die psychische Widerstandsfähigkeit des Einzelnen und damit die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie als Ausgangspunkt für Entwicklungen zu nutzen.

Im Rahmen dieser Studie meint Resilienz eine positive Anpassungsleistung: die Fähigkeit von Schülerinnen und Schülern, trotz sozialer Nachteile in allen PISA-Testfeldern mindestens die Kompetenzstufe drei zu erreichen und damit die Voraussetzung für eine aktive gesellschaftliche Teilhabe und lebenslanges Lernen zu erwerben.

Nach diesem Konzept ergibt sich ein hoher Anteil resilienter Schüler in einem Land aus guten durchschnittlichen Leistungen bei gleichmäßiger sozialer Verteilung von Lernerfolg. Resilienz ist somit ein Indikator für zwei Kernziele von Bildungssystemen. (S. 4)

Diese Definition ist bewusst begrenzt, denn sie bezieht sich nur auf Menschen aus den unteren sozialen Schichten, also herkunftsbenachteiligten Kindern und Jugendlichen. Das reizt zum Widerspruch: Was ist mit den Kindern aus höheren sozialen Schichten? Können sie nicht resilient sein? Erfahrungsgemäß droht bei manchen von ihnen eine Art Wohlstandverwahrlosung durch ein Überangebot von Ablenkung. Auch hier bedarf es einer starken Resilienz, sich durch diese Ablenkung hindurchzukämpfen und zum Lernen zu finden.

Aber zurück zur Studie. Sie teilt uns mit, welche günstigen Faktoren es einerseits in der Psyche von Schülern und andererseits in der Schule geben kann und muss, damit sich Resilienz einstellt.

Psychische Voraussetzungen für Resilienz

Persönliche sowie schulische Faktoren beeinflussen die Resilienz bei Schülerinnen und Schülern:

Resilienz ist zunächst einmal eine persönliche Eigenschaft. Es ist deshalb zu erwarten, dass individuelle Merkmale die Chancen auf Resilienz beeinflussen. In dieser Studie wurden

  • Geschlecht,
  • die zuhause gesprochene Sprache sowie
  • der sozioökonomische Status (innerhalb der Gruppe der sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern) berücksichtigt.

Für all diese Faktoren zeigte sich, dass sie Resilienz beeinflussen. So halbiert sich im OECD-Schnitt die Chance auf Resilienz, wenn zuhause nicht die Unterrichtssprache gesprochen wird. Gleichzeitig haben unter den sozial benachteiligten Schülern Mädchen eine leicht aber signifikant geringere Chance auf Resilienz als Jungen. Ebenso beeinflusst die Ausprägung sozialer Benachteiligung die Chance auf Resilienz. (S. 8)

Schulische Voraussetzungen für Resilienz

Folgende Faktoren werden in den Blick genommen: Der gemeinsame Unterricht, Klassengröße und Computerausstattung, das Schulklima, der Führungsstil der Schulleitung und Ganztagsangebote

Benachteiligte Schüler profitieren vom gemeinsamen Unterricht mit bessergestellten Schülern

In der Auswertung zeigte sich, dass auf schulischer Ebene der mit Abstand bedeutendste Faktor für Resilienz die soziale Herkunft der Mitschülerinnen und Mitschüler ist. Dieser Befund kann mehrere Gründe haben. Zum einen kann er daran liegen, dass die Schüler sich innerhalb der Gruppe positiv beeinflussen und unterstützen; weiterhin ist es möglich, dass Schulen mit sozial bessergestellten Schülern besser ausgestattet sind oder für Lehrkräfte attraktiver sind und deshalb bessere Lehrkräfte bekommen; schließlich ist es auch möglich, dass sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler an einer Schule mit günstigerem Sozialprofil von Lehrkräften und Eltern mehr Aufmerksamkeit erhalten und so ihre Fähigkeiten besser entwickeln können. (S. 8)

Kleinere Klassen oder Computerausstattung haben keinen Effekt

Die Studie zeigt, dass mehr Ressourcen und eine bessere Ausstattung nicht unbedingt zu einem höheren Anteil an resilienten Schülerinnen und Schülern führen. So gehen weder kleinere Klassengrößen noch eine bessere Ausstattung mit Computern mit besseren Leistungen bei sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern einher. (S. 8)

Ein positives Schulklima ist ein Schlüsselfaktor für Resilienz

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die Bedeutung eines positiven Schul- und Unterrichtsklimas für Resilienz. Um das Unterrichtsklima zu bewerten, wurden Angaben der Schülerinnen und Schüler zur Häufigkeit folgender Ereignisse ausgewertet:
> Die Schülerinnen und Schüler hören der Lehrerin/dem Lehrer nicht zu.
> Im Klassenzimmer ist es oft laut, und es geht drunter und drüber.
> Die Lehrerin/der Lehrer muss lange warten, bis die Schülerinnen und Schüler ruhig werden.
> Die Schülerinnen und Schüler können nicht ungestört arbeiten.
> Die Schülerinnen und Schüler fangen erst lange nach Beginn der Stunde an zu arbeiten.
Schulen, an denen Schülerinnen und Schüler den Unterricht als geordnet wahrnehmen, haben jenseits aller anderen in der Studie berücksichtigten Faktoren einen höheren Anteil resilienter Schüler. (S. 9)

Ein motivierender Führungsstil der Schulleitung prägt das Schulklima

Die Studie zeigt auch, dass der Führungsstil der Schulleitung einen Beitrag zu einem positiven Schulklima leisten kann. Um den Führungsstil der Schulleitung zu bestimmen, wurden Lehrerantworten zu folgenden Aussagen ausgewertet:
> Die Schulleitung versucht, bei der Festlegung von Prioritäten und Zielen innerhalb der Schule einen Konsens mit allen Lehrkräften zu erzielen.
> Der Schulleitung sind meine Bedürfnisse bewusst.
> Die Schulleitung regt neue Ideen für meine berufliche Fort- und Weiterbildung an.
> Die Schulleitung behandelt die Lehrkräfte als Fachleute.
> Die Schulleitung gewährleistet unsere Miteinbeziehung in Entscheidungsfindungen.
Das Lernklima profitiert dabei besonders, wenn es der Schulleitung gelingt, Lehrer von einer gemeinsamen Mission zu überzeugen und sie auf strategische Ziele und Ergebnisse auszurichten. Unterstützende Lehrer-Schüler-Verhältnisse, gute Beziehungen zwischen den Schülern und eine motivierende Schulleitung kennzeichnen also Schulen mit einem positiven disziplinären Klima. (S. 11)

Man vergleiche dazu die Ausführungen von Hattie in „What works best?“

Ganztagsangebote können Resilienz fördern

Aktivitäten jenseits des Unterrichts können das Engagement von Lehrern, Schülern und ihren Familien fördern, ein Gefühl für die Zugehörigkeit zur Schule stärken und dadurch die Resilienz benachteiligter Schülerinnen und Schüler steigern. Dieser Zusammenhang besteht in Deutschland und einer Reihe weiterer Länder, lässt sich aber nicht für alle PISA-Teilnehmer feststellen. Für Deutschland legt dieser Befund jedoch den Schluss nahe, dass Ganztags schulen, die in der Lage sind, Angebote über den Unterricht hinaus zu machen, gut geeignet sind, Resilienz bei Schülerinnen und Schülern zu fördern. (S. 11)

Der Einfluss der Frühselektion

Auch wenn es nicht opportun ist, über Schulstrukturen zu sprechen, bei der Frage der Chancengerechtigkeit zeigt sich immer wieder die Notwendigkeit einer Systemverschiebung, denn wir sind noch nicht am Ziel angekommen:

Die Chancengerechtigkeit in Deutschland hat sich erhöht, liegt aber immer noch unter dem OECD-Durchschnitt

Auch wenn Deutschland sich beim Anteil resilienter Schülerinnen und Schüler deutlich verbessert hat und international mittlerweile gut abschneidet, liegt das Land in puncto Chancengleichheit trotz einer positiven Entwicklung in den vergangenen Jahren noch immer unter dem OECD-Durchschnitt. So sind die Leistungsunterschiede zwischen sozial bessergestellten und sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern nach wie vor groß. Auch der statistische Zusammenhang zwischen Leistung und sozialer Herkunft ist noch immer sehr ausgeprägt. (S. 6)

Zunächst einmal der Anteil der resilienten Schüler über die Zeit:

PISA2000vs2015

Aber insgesamt liegen wir in der Chancengerechtigkeit noch unter dem OECD-Durchschnitt, hier knapp in der Zone high performance und low equity:

highperformance-lowequity

Oben wurde bereits angesprochen, dass eine hohe soziale Durchmischung der Resilienz dient. So auch in diesem Zitat:

Selektion als Bremsklotz

Frage: Trotz der positiven Entwicklung bei der Resilienz liegt Deutschland bei der Chancengleichheit in der Bildung immer noch unter dem OECD-Durchschnitt. Erst 2010 verabschiedete die Kultusministerkonferenz ein explizites Programm zur Förderung benachteiligter Schüler. Polemisch gefragt: Ist in Deutschland ein unbewusster, undemokratischer Impuls verankert?

Antwort: Auch wenn wir in einigen Bundesländern inzwischen eine Zweigliedrigkeit haben: Wir selektieren noch immer im Hinblick auf die Abschlüsse. Weil wir abschlussbezogen selektieren, erhalten wir die Bremsklötze im System, die dazu führen, dass die Jugendlichen in dem Milieu verharren, aus dem sie kommen. (S. 13)

Fazit

Auch das Thema Resilienz führt zur Abschaffung des stark gegliederten selektiven Schulsystems, zumindest zugunsten einer Zweigliedrigkeit. Da muss man der Bildungssprecherin der LINKEN im Bundestag einfach Recht geben.

Literatur

Schäfer, A. (2018). Erfolgsfaktor Resilienz. Warum manche Jugendliche trotz schwieriger Startbedingungen in der Schule erfolgreich sind – und wie Schulerfolg auch bei allen anderen Schülerinnen und Schülern gefördert werden kann. Eine PISA-Sonderauswertung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Kooperation mit der Vodafone Stiftung Deutschland (Paus, I. & Gallander, S., Hrsg.). Düsseldorf: Vodafone Stiftung Deutschland.

Weblinks

http://www.oecd.org/berlin/publikationen/pisa-2015-resilienz.htm

https://bildungsklick.de/schule/meldung/pisa-sonderauswertung-zum-schulerfolg-sozial-benachteiligter-schueler/

http://www.news4teachers.de/2018/01/neue-pisa-ergebung-das-deutsche-schulsystem-ist-deutlich-gerechter-geworden-heisst-auch-es-geht/

 

3 Kommentare

  1. PISA-Studien-Missbrauch als Reformkonzept?

    „Sozial benachteiligte Schüler holen auf“ verbreitet die deutsche Presselandschaft auf Zuruf des OECD-Bildungsdirektors Andreas Schleicher in einer PISA-Sonderauswertung und redet gleich mal den Erfolg der Gesamtschulen herbei!
    „Von 2006 nach 2015 stieg der Anteil der Schüler aus bildungsfernen Schichten, die den hohen Kompetenz-Level 3 erreichen, von 25,2% auf 32.3%“ schrieben die unkritischen Journalisten (ab) und schrieben damit ihren eigenen Nachruf auf ihre Glaubwürdigkeit bei der Beurteilung von Bildungsstudien!
    Nicht in den propagierten 9 Jahren von 2006 bis 2015 hat Deutschland sich kontinuierlich verbessert, sondern es gab zwischen 2009 und 2012 drei „magische Jahre“ mit einem Sprung von 24,5% in 2009 auf 31,7% in 2012, wie in der Studie schnell nachzulesen ist! Zwischen 2006 und 2009 gab es genauso wenig eine Veränderung, wie zwischen 2012 und 2015!
    Soviel „Gutes“ in nur drei Jahren und davor und danach nichts? Haben unsere Bildungspolitiker exakt 3 Jahre alles richtig gemacht?
    Wurden alle Schulkonzepte innerhalb dieser drei magischen Jahre umgesetzt und dann nichts mehr?
    Warum erwähnt der OECD-Direktor nicht diese drei Wunderjahre und zeigt uns auf, was dort richtig gemacht wurde?
    Ganz einfach, er weiß es gar nicht! Denn zwischen der PISA Studie 2009 und 2012 änderte die OECD die Erfassung der sozialen Daten, welche für die Bewertung der obigen Qualitätssteigerung herangezogen werden, und weißt vorsorglich auf S. 249 sogar darauf hin, dass zeitliche Vergleiche mit Vorsicht zu betrachten sind, weil sich der ISCO-Kodierungs- Standards geändert hat!
    Und was macht Herr Andreas Schleicher, Bildungsdirektor bei der OECD und damit verantwortlich für die PISA-Studien, daraus in 2018?
    Er schlussfolgert den Erfolg der Gesamtschulen in Deutschland und gibt großspurige Bildungsempfehlungen in diese Richtung! Dann macht es auch nicht mehr den Kohl fett, dass zur Ganztagsbetreuung überhaupt keine PISA-Daten erhoben wurden und Herr Schleicher den brav abschreibenden Medienvertretern seine bildungsideologisch angefärbten Weißheiten in die Sendungen und Zeitungen diktiert!
    Vor lauter ideologischer Umfärberei hat man ein wichtiges Ergebnis völlig übersehn:
    Durch das Angebot von naturwissenschaftlichen Wettbewerben kann die naturwissenschaftliche Kompetenz der sozial benachteiligten Schüler dramatisch gesteigert werden! Die PISA Gewinner praktizieren das schon lange erfolgreich, aber die deutschen Bildungspolitiker investieren lieber Milliarden in neue Schulformen mit tollen Namen, statt in den Schulen solche naturwissenschaftlichen Wettbewerbe richtig zu fördern!
    Wollen sie wissen, was ein Lehrer bekommt, wenn er Nachmittag für Nachmittag in der Schule eine Chemie-AG betreut?
    Wenn er Glück hat, einen feuchten Händedruck!
    Armes Bildungsdeutschland!!

    Dr. Carsten Wendelstorf
    Betreiber der facebook-Seite:
    https://www.facebook.com/Schule.und.Bildungspolitik.in.der.Kritik

    Literatur:

    Hier die Links zu den Daten der verschiedenen PISA-Studien:

    a) Die hier in der Presse verwendete Studie im Original, wo insbesondere S. 15 mit der wundersamen Verbesserung in 3 Jahren ins Auge sticht!
    http://www.oecd-ilibrary.org/education/academic-resilience_e22490ac-en

    http://www.oecd.org/berlin/publikationen/pisa-2015-resilienz.htm

    b) Hier der Hinweis der PISA Studie 2013 auf die schwere Vergleichbarkeit der ISCO-Kodierung des sozialen Einflusses auf S. 249:
    https://www.pisa.tum.de/fileadmin/w00bgi/www/Berichtsbaende_und_Zusammenfassungungen/PISA_EBook_ISBN3001.pdf

    und hier der Hinweis im technical report der PISA Studie 2012 auf S. 351:
    http://www.oecd.org/pisa/pisaproducts/PISA-2012-technical-report-final.pdf

    c) Hier eine der wenigen kritischen Stimmen, die die Studie auch gelesen haben:
    https://bildung-wissen.eu/fachbeitraege/die-verhuellung-durch-statistik-um-damit-politik-zu-machen.html

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