Sichtweisen #20: Viertel voll oder dreiviertel leer?

Heute, am 24. Januar 2018, können wir die unterschiedlichen Sichtweisen auf die gleichen Zahlen besonders schön veranschaulichen. Es geht um die Einstellungschancen für angehende Gymnasiallehrer/innen in Bayern.

Viertel voll: Das Kultusministerium

Das bayerische Kultusministerium verwendet in der Überschrift der heutigen Pressemeldung den positiv besetzten Begriff „Einstellungschancen“, bzw. „viele Chancen“:

Pressemitteilung Nr. 033 vom 24.01.2018

Einstellungschancen für das Lehramt an Gymnasien stark von Fächerkombination abhängig – Viele Chancen an Grund- und Mittelschulen – Bayerisches Kultusministerium zu den Aussagen von bpv und BLLV

Anschließend wird hervorgehoben, dass zum zweiten Halbjahr etwa ein Viertel der Bewerber ein Einstellungsangebot erhalten wird; das wären dann – ohne genaue Zahlen zu nennen – mehr als im Vorjahr:

Zum Halbjahr des Schuljahres 2017/18 erhalten rund ein Viertel der Bewerber das Angebot einer unbefristeten Einstellung an staatlichen Gymnasien sowie Fachober- und Berufsoberschulen. Im Vergleich zum Februar 2017 konnte das Bayerische Kultusministerium damit heuer mehr Bewerbern ein Einstellungsangebot unterbreiten.

Dann wird noch ein positiver Ausblick eröffnet – nämlich auf die Chance einer zwei Jahre dauernden „Zweitqualifikation“ für die Beschäftigung an einer Grund- oder Mittelschule. Das ist eine interessante Perspektive, verbinden sich doch damit in der Wahrnehmung mancher Kandidaten eine Art „Herabstufung“ auf eine „niedrigere“ Schulart und eine geringere Besoldung. Das wird freilich nicht erwähnt:

Zweitqualifikation eröffnet Chance auf Einstellung in den Staatsdienst

Das Kultusministerium eröffnet für die Bewerberinnen und Bewerber mit Befähigung für das Lehramt Gymnasium die Möglichkeit, sich im Rahmen einer zweijährigen Zweitqualifikation für die Grund- und Mittelschule fortzubilden und im Anschluss als Beamte an diesen Schularten beschäftigt zu werden. So nehmen im Schuljahr 2017/2018 derzeit 690 Gymnasiallehrer an dieser Zweitqualifikation teil. Auch im Februar 2018 ist der Einstieg in die Maßnahmen wieder möglich.

Das Kultusministerium schließt mit einem recht positiven Moment:

Über 4.300 Lehrkräfte zum Schuljahresbeginn neu eingestellt

Bayern hat zu diesem Schuljahr über 4.300 Lehrkräfte neu eingestellt. Der Unterricht an den Schulen im Freistaat ist gesichert. Es bleiben keine Stellen unbesetzt.

Dreiviertel leer: Der JunglehrerInnenverband

Der geneigte Leser / die geneigte Leserin kann diese Aussagen der Jugendorganistation des Philologenverbandes selbst miteinander kontrastieren:

VON WEGEN LEHRERMANGEL

 75% der Bewerber am Gymnasium ohne Planstelle

500 Absolventen betroffen – Junge Philologen fordern mehr Stellen

Bayern verzichtet auch beim aktuellen Einstellungstermin an den Gymnasien auf Spitzenabsolventen und verschenkt damit wertvolles Potential. Die Referendar- und Jungphilologenvertretung (rjv) im Bayerischen Philologenverband (bpv) zeigt sich angesichts der erneut viel zu geringen Einstellungszahlen enttäuscht und plädiert für eine spürbare Erhöhung.

Im Februar 2018 beenden ca. 660 Referendare ihre Ausbildung am Gymnasium erfolgreich mit dem Zweiten Staatsexamen. Zahlen des Kultusministeriums ist zu entnehmen, dass für Bewerber aus dem aktuellen Prüfungsjahrgang nur etwa 150 Planstellen zur Verfügung stehen. Zusätzlich werden ca. 15 Stellen an Fach- und Berufsoberschulen neu besetzt, so dass insgesamt 75% kein Angebot vom Staat erhalten – eine traurige Perspektive nach einem langwierigen Studium und anschließenden kräfte- und nervenzehrenden Referendariat.

Es ist für die rjv nicht akzeptabel, dass viele bayerische Gymnasien weiterhin mit großen Klassen und einer schnell aufgezehrten Lehrerreserve kämpfen, während lediglich durch Fluktuation freiwerdende Stellen besetzt werden und 500 Absolventen ohne gymnasiale Perspektive dastehen.

Beste Nachwuchspädagogen kehren dem Schulsystem den Rücken

Dominik Lörzel, Vorsitzender der rjv: „Es stimmt mich traurig, dass so viele hervorragende Pädagogen vor einer ungewissen Zukunft stehen. Die jungen Kolleginnen und Kollegen mit besten Leistungen werden an den Schulen dringend gebraucht, um die Qualität des bayerischen Gymnasiums zu erhalten. Falls sich für sie keine Perspektive zeigt, ist es nur die logische Konsequenz, dass sie dem Schulsystem den Rücken kehren oder in anderen Bundesländern unterrichten. Dort haben sie zwar dank der hohen Qualität der bayerischen Lehrerausbildung gute Chancen, für Bayern sind sie damit aber langfristig als Lehrkräfte verloren. Das kann weder im Interesse des Freistaats sein noch in dem unserer Schülerinnen und Schüler.“ 

Wie in Blog zum Schweinezyklus und andernorts bereits angemerkt, könnte die Lehrerbildung grundsätzlich anders organisiert werden. Darauf verweist der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband:

Systemfehler in der Lehrerbildung: Der BLLV

Weitere Schwächung des Gymnasiums droht

Die heute bekannt gewordenen Einstellungsnoten für das Lehramt Gymnasium kommentiert BLLV-Präsidentin Fleischmann mit folgenden Worten:

München – „Sollten die heute bekannt gewordenen Angaben zu den Einstellungsnoten an den bayerischen Gymnasien stimmen – in einer Pressemitteilung des Bayerischen Philologenverbandes heißt es, dass rund 75% aller gymnasialen Lehramtsstudierenden leer ausgehen werden – ist dies als ein weiteres überdeutliches Zeichen anzusehen, dass sich in der Lehrerbildung endlich etwas tun muss. Wie sich immer wieder zeigt, bekommen wir das Problem so nicht in den Griff.

Eine abschließende Bewertung der diesjährigen Einstellungsnoten für das bayerischen Gymnasium werde ich aber erst dann vornehmen, wenn die Zahlen vom Kultusministerium offiziell bekannt gegeben worden sind.“

Und wenn sie nicht gestorben sind…

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