Fail #20: Lehrerarbeitslosigkeit

Die Bundesagentur für Arbeit hat im Januar 2018 Zahlen zur Lehrerarbeitslosigkeit vorgelegt. Einige Aspekte daran sind beachtenswert. 

Der allgemeine Überblick zeigt einen Anstieg im letzten Jahr:

Lehrerarbeitslosigkeit

Die Statistiker schreiben dazu:

Rechnerisch ergibt sich eine Arbeitslosenquote von 1,3 Prozent. Das ist selbst für akademische Berufe eine äußerst geringe Quote (durchschnittlich 2,7 Prozent) und gegenüber dem Vorjahr ein Rückgang um 0,1 Prozentpunkte.

Die Lehrerarbeitslosigkeit ist stark schwankend:

Lehrerarb_Schwankungen

Die Experten ergänzen dazu diese Informationen:

  • Aufgrund vieler Arbeitslosmeldungen schnellt die Zahl arbeitsloser Lehrkräfte regelmäßig anlässlich der Sommerferien stark nach oben. Nach den Sommerferien beendet eine ähnliche Anzahl von Personen die Arbeitslosigkeit wieder durch die Aufnahme einer Beschäftigung.

  • Die Hauptursache für die kurzfristige Lehrer-Arbeitslosigkeit in den Sommerferien dürfte in befristet geschlossenen Arbeitsverträgen und Referendariaten zu suchen sein.

  • Besonders häufig sind jüngere Lehrkräfte betroffen. 61 Prozent der Lehrkräfte, die im August 2017 arbeitslos wurden, waren unter 35 Jahre alt. Da überwiegend Frauen den Lehrerberuf ergreifen, geht ein Großteil der Arbeitslosmeldungen auf Frauen zurück (74 Prozent).

  • Auffallend ist, dass ein erheblicher Teil der Arbeitslosmeldungen während der Sommerferien erfolgt. Offensichtlich wird der Zeitraum der Sommerferien bei vielen befristet geschlossenen Arbeitsverträgen zumindest teilweise ausgespart. Eine eventuelle Anschlussbeschäftigung erfolgt erst mit Beginn des neuen Schuljahres. Die betroffenen Personen melden sich für die Dauer der Sommerferien (oder eines Teiles davon) arbeitslos.

Nach Ländern aufgeschlüsselt:

Lehrerarb_Länder

Besonders ins Gewicht fallen also die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen, die für insgesamt 61 Prozent aller Ferienarbeitslosigkeit verantwortlich sind.

  • Die rund 4.900 Arbeitslosmeldungen in den Sommerferien 2017 entfallen vor allem auf Baden-Württemberg (1.680), Bayern (860) und Niedersachsen (470).

  • Aus diesen drei Ländern kommen 61 Prozent der Sommerferien-Arbeitslosmeldungen.

  • Bezogen auf die übliche Fluktuation innerhalb eines Jahreszeitraums konzentrieren sich insbesondere in Baden-Württemberg die Arbeitslosmeldungen auf die Sommerferien: Bei 71 Prozent aller Personen, die sich von Oktober 2016 bis September 2017 nach einer Beschäftigung arbeitslos melden, tritt die Arbeitslosigkeit in den Sommerferien ein. Auch in Hamburg und Bayern entfallen mehr als die Hälfte der Arbeitslosmeldungen nach einer Beschäftigung auf einen Tag in den Sommerferien.

Diskussion

Es gibt zwei Zitate vom August 2017 zur Lehrerarbeitslosigkeit, die gehört werden sollten (Quelle):

Die CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel hat kritisiert, dass manche Bundesländer über die Sommerferien Lehrer entlassen. «Das ist absolut daneben, um es mal vorsichtig zu sagen», erklärte Merkel am Mittwoch bei einer CDU-Wahlkampfveranstaltung in Ludwigshafen. «Wo soll da die Motivation herkommen?» Nach Darstellung der Kanzlerin gibt es Bundesländer, «da werden Lehrer zum Schuljahresende entlassen, dann haben sie keinen Job über die Ferien, und zu Schuljahresbeginn werden sie wieder eingestellt».

Zuvor hatte bereits Volker Kauder, Chef der Unionsfraktion im Bundestag, ein Ende der Befristungen von Lehrerverträgen angemahnt. Gute Lehrer werde man nur finden, wenn der Staat fair mit ihnen umgehe, sagte Kauder der Zeitung. «Und da ist es nicht akzeptabel, dass junge Lehrerinnen und Lehrer sehr oft mit Beginn der Sommerferien in die Arbeitslosigkeit entlassen werden und erst im neuen Schuljahr wieder angestellt werden.»

Merkel und Kauder haben ihre Aussagen anlässlich einer Wahlkampfveranstaltung in Ludwigshafen, also in Rheinland-Pfalz getroffen, wo SPD, FDP und Grüne regieren. Möglicherweise sollte damit die Landesregierung kritisiert werden. Besser wäre es allerdings, die eigenen Leute würden diese Art von Lehrerverträgen nach und nach zurückfahren, denn wer regiert in den Ländern mit der höchsten Zahl an Sommerferien-Lehrerarbeitslosigkeit?

  • In Baden-Württemberg ist es eine Koalition aus CDU und den Grünen.
  • In Bayern gibt es eine Alleinregierung der CSU.
  • In Niedersachsen ist es die CDU mit der SPD.

Das ist auch dem Verbandspräsidenten Meidinger ein Dorn im Auge (Quelle):

Der Deutsche Lehrerverband begrüßte die Forderung Kauders nach einer Beendigung der Praxis seinerzeit.  Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger nannte das „überfällig“. Allerdings übte Meidinger auch Kritik am Verhalten Kauders – dieser müsse seinen Worten Taten folgen lassen und nun auch unter den von der Union gestellten Kultusministern darauf dringen, „diese Praxis der Ausbeuter-Verträge ohne bezahlte Ferien zu beenden“. 

Auch die GEW hat diese fragwürdige Praxis kürzlich kritisiert (Quelle):

„Das Hire-and-Fire-Prinzip wird weder den Schülerinnen und Schülern noch den Lehrkräften gerecht. Auch Bayern als Arbeitgeber saniert sich so auf Kosten der Beitragszahler der Sozialkassen“, stellte der Vorsitzende der GEW Bayern, Anton Salzbrunn heute in München fest. […]

„Zu den gemeldeten Arbeitslosen ist noch eine unbekannte Zahl entlassener Lehrkräfte hinzuzurechnen. Diese melden sich gar nicht erst arbeitslos, da sie wegen fehlender Leistungsvoraussetzungen kein Arbeitslosengeld erwarten oder auf einen Anschlussvertrag nach den Ferien hoffen“, erklärte Salzbrunn. „Personalrät*innen berichteten, dass auch andere Schulferien bei Vertretungsverträgen gerne ausgespart werden. Die Zahl befristet beschäftigter Lehrkräfte sei leider nicht genau zu erfassen“, bemängelt der bayerische GEW-Vorsitzende weiter.

Salzbrunn wies auf die Konsequenzen dieser Befristungspraxis hin: „Die Schulen haben zu Beginn eines neuen Schuljahres noch keine Gewissheit über die Lehrkräfteversorgung und müssen die Stundenpläne oft zwei Wochen oder länger ändern. Darunter leiden auch die Schülerinnen und Schüler. Für die betroffenen Lehrkräfte bedeutet dieses Sparmodell andauernde Jobunsicherheit und unbezahlte Arbeit. Denn: Auch wenn der Arbeitsvertrag ausgelaufen ist, der Unterricht für das neue Schuljahr muss trotzdem vorbereitet werden. Bei gleichzeitigem Lehrkräftemangel ist das eine unhaltbare und völlig unverständliche Situation.“

Ob sich mit Merkels und Kauders Worten („absolut daneben“, „nicht akzeptabel“) irgendwann auch Taten verbinden, vor allem vonseiten der eigenen Leute, bleibt abzuwarten.

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