Sichtweisen #19: Respekt!

MDLIm Herbst 2017 hat die SPD-Landtagsfraktion in den bayerischen Regierungsbezirken zu so genannten „Schulkonferenzen“ eingeladen. Es ging darum, die Situation im Lande zu erfragen, was die täglichen Schwierigkeiten an den Schulen betrifft. Der spiritus rector der Bildungs-SPD, Martin Güll, stellt in einer E-Mail die ersten Zwischenergebnisse dar.

Respekt! Es ist der Wahnsinn, mit welchem Einsatz und Engagement Schulleitungen, Lehrkräfte und Pädagogen, Elternbeiräte und Schulsekretariate täglich verhindern, dass der Karren krachend an die Wand fährt. Das, was Sie da alle täglich leisten, ist schon etwas ganz Besonderes. Ich ziehe meinen Hut und danke Ihnen dafür.

Die ersten zehn Schulkonferenzen „Wir hören zu. Was ist los an Bayerns Schulen?“ in allen sieben Regierungsbezirken sind geschafft. Sie haben uns Ihre Zeit und Ihr Vertrauen geschenkt, haben sich in den Veranstaltungen zu Wort gemeldet, uns ausführliche Briefe geschrieben und uns angerufen. Dafür herzlichen Dank. Wir haben viel erfahren, was für unsere Arbeit außerordentlich hilfreich ist.

Wie versprochen senden wir Ihnen heute eine erste Zwischenbilanz aus unserer Sicht:

  1. Die Unterrichtsversorgung ist auf Kante genäht, was für die, die Kolleginnen und Kollegen aus welchen Gründen auch immer vertreten müssen, eine enorme Belastung ist und keine Dauerlösung sein kann. Die Qualität des Schullebens leidet, weil Differenzierung und AGs in Grund- und Mittelschulen nicht mehr stattfinden. Zusätzlich über das Pflichtstundenmaß hinausgehend Angebote zu machen, ist nicht mehr drin.

  2. Immer noch mehr und noch mehr: Schulleitungen an Grund- und Mittelschulen brauchen eine deutliche Entlastung von der Unterrichtsverpflichtung, weil die Aufgaben ständig zunehmen. Gerade der Beratungsbedarf von Eltern und Kollegen ist enorm angestiegen.

  3. Verwaltungsangestellte sind wichtige Mitglieder der Schulfamilie. Auch ihre Aufgaben haben sich völlig verändert. Die Bezahlung und die arbeitsrechtliche Situation sind vollkommen unangemessen. Außerdem ist es ein Unding, dass die Verwaltungskraft erst nach 6 Wochen Krankheit und nicht viel früher ersetzt werden darf.

  4. Fachlehrer und Förderlehrer fehlen, die „angelernten“ Gymnasial- und Realschullehrkräfte stoßen an ihre fachlichen Grenzen – insbesondere im Förderschulbereich und auch im Erstunterricht an den Grundschulen. Befristete Verträge demotivieren alle Betroffene wie auch deren Ausbilder und Kollegen. Es ist nicht in Ordnung, dass Lehrkräfte in Ausbildung 28 Stunden Unterricht halten und Klassleitungen übernehmen.

  5. Der extreme Anstieg der Kinder mit sozial-emotionalem Förderbedarf und die Inklusions-Kinder insgesamt machen allen Sorgen, vor allem aber den Grund-, Mittel- und Förderschulen. Alle Beteiligten fühlen sich den Aufgaben fachlich nicht gewachsen und wünschen sich Unterstützung durch eine Zweitlehrkraft, einen Sonderpädagogen oder einen Sozialpädagogen oder auch eine Förderlehrkraft. Schulbegleiter müssen von der Schule nicht vom einzelnen Kind kommen.

  6. Für den Ganztag fehlen qualifizierte Leute, gute Räume und ausreichend Personal. In ländlichen Räumen ist der Ganztag keine pädagogische Frage, sondern eine Frage der Schulbusse. Ein Demografiezuschlag für alle Schulen ist erforderlich. Die mobile Reserve und die Stunden für die Verwaltungskräfte müssen an den Ganztagsbedarf angepasst werden. Die Qualität des Ganztags stimmt nicht. Das Mittagessen ist nicht für alle Kinder erschwinglich. Mittagessen muss staatliche Aufgabe sein. Mindestens die Reduzierung der MwSt. auf 7% muss drin sein. Die Schulen wünschen sich einen eigenen Sozialetat, um „Foodshaming“ zu verhindern.

  7. Digitale Bildung ja, aber bevor neue Technik angeschafft wird, muss klar sein, wer die Geräte wartet, wer die pädagogischen Konzepte dafür ausarbeitet und vor allem: ob bei allen Schülerinnen und Schülern die gleichen Standards gelten. Die Verlagerung der Kosten ins Elternhaus kann‘s nicht sein. Kommunen brauchen dringend ein staatliches Förderprogramm und klare Standards für die Ausstattung. Fehlende IT-Fachkräfte und fehlendes schnelles Internet an allen Schulen sind die schweren Versäumnisse bei der Digitalisierung.

  8. Die Lehrerversorgung an Realschulen und Gymnasien wird als ausreichend geschildert. An den beruflichen Schulen hingegen ist die Unterrichtsabdeckung nur zu 90% gewährleistet.

  9. Das Fahrtenbudget ist viel zu knapp bemessen. Lehrkräfte zahlen Klassenfahrten aus eigener Tasche.

  10. Integration gelingt nur, wenn die Anstrengungen von allen Schulen gestemmt werden und die Lehrkräfte die nötige Unterstützung durch Fachkräfte (Dolmetscher, Schulpsychologen, Sozialpädagogen etc.) bekommen.

 

Martin Güll, MdL
Bildungspolitischer Sprecher der BayernSPD-Landtagsfraktion
Vorsitzender des Bildungsausschusses im Bayerischen Landtag

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