Module statt Jahrgangsklassen

Melanie aus der fünften Klasse kann sich sehr gut ausdrücken, schreibt phantasievolle Geschichten und kann ohne Probleme einer Diskussion in einer siebten Klasse folgen. Dafür hinkt sie in Mathematik ein Jahr hinterher. Murad aus derselben Klasse ist spitze in Mathematik, aber kann noch nicht richtig Deutsch, weil er erst vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen ist. Warum soll Melanie nicht eine Gruppe – statt einer Klasse – besuchen, die ihrem Können und ihrem Interesse entspricht, und warum soll Murad nicht in einer anspruchsvolleren Mathematik-Gruppe lernen dürfen statt in der für sein Alter vorgesehenen Klasse?
Eine Organisation in Fachmodulen statt in Klassen ist in vielen Bildungssystemen eine erfolgreich praktizierte Selbstverständlichkeit. Ziel ist es, jedem einzelnen Schüler mit seiner Begabung bestmöglich gerecht zu werden. So kann wie in unserem Beispiel ein Kind, das den Lernstoff eines Jahrgangs in einem Fach noch nicht beherrscht, dieses Jahr in Form eines Moduls nachholen, ohne auch alle anderen Fächer wiederholen zu müssen. Wer z. B. besonders gut in Englisch ist, kann ein Jahresmodul Englisch überspringen, bleibt aber in den übrigen Fächern in seiner Jahrgangsstufe.

Mit diesen Worten beschreibt eine Studie der Roland-Berger-Stiftung die Idee einer Ablösung des Lernens im Klassenverband zugunsten einer Modularisierung und begründet dies u.a. so:

Schulen sind traditionell in Klassen und Jahrgangsstufen organisiert. Aber flexible, modulare Organisationsstrukturen ermöglichen mehr Beweglichkeit: So folgt z. B. die Organisation in Klassen im herkömmlichen Modell der Überzeugung, dass alle Kinder desselben Jahrgangs in etwa gleiche Lernvoraussetzungen mitbringen. Das ist heute aber ganz und gar nicht mehr der Fall, und auch hier sind wir wieder beim Thema individuelle Förderung. (Roland Berger Stiftung 2017, S. 19–20) 

Da läuft schon was

Die (nicht genannten) Verfasser der Studie nehmen Bezug auf bereits vorhandene und funktionierende modulare Organisationsformen. Sie verweisen beispielsweise auf die gymnasiale Oberstufe in Finnland, über die man sich in dieser Broschüre (S. 21) oder  in diesem Extra der GGG informieren kann.

Spannend sind die Anfänge der Modularisierung in Deutschland, die sich mit dem Stichwort „Abitur im eigenen Takt“ verbinden. Dazu gab und gibt es

 

Was ist neu?

Die Modul-Idee gibt es also schon länger, und sie hat zweifellos den Charme einer sich selbst organisierenden Differenzierung und Individualisierung, die das pädagogisch unsinnige und wirkungslose Wiederholen einer kompletten Jahrgangsstufe überflüssig macht.

Die Verfasser der Roland-Berger-Stiftung überlegen nun, ob sich die Modularisierung auch in den unteren Jahrgängen, also auf der Sekundarstufe I, verwirklichen ließe. Sie geben deshalb folgende Empfehlung:

In einem breit angelegten Modellversuch über alle Schularten hinweg sollte erprobt werden, inwieweit eine modulare Schulorganisation individuelle Förderung begünstigt und ob sie dem herkömmlichen Organisationsmodell überlegen ist. Erfahrungen anderer Länder sollten von Anfang an einbezogen werden. Eine intensive wissenschaftliche Begleitung muss das Modell begleiten.

Komplexe Organisation

Der Organisationsaufwand einer Fach- und Leistungsmodularisierung darf nicht übersehen werden. Das betrifft unter anderem

  • die Bildung von Modulen: Eine Spezialisierung der Oberstufe kann weniger Module beinhalten als die breite Allgemeinbildung der Sekundarstufe I erfordert. Kann dies alles in Module gefasst werden?
  • die Dauer eines Modules: Ein ganzes Schuljahr? Ein Semester? Ein Trimester? Ein 6-Wochen-Rhythmus zwischen den Ferien?
  • den Zugang zu einem Modul: Nach Vorleistung? Nach Diagnose, bzw. Eingangstest? Nach Beratung? Oder nach einer kombinierten Methode?
  • die Gewichtung: Welche Module sind wann als Pflicht-, wann als Wahlpflicht- und wann als reine Wahlkurse zu durchlaufen?
  • die Parallelität: Die Schüler/innen werden häufig auf das Problem stoßen, dass sie Kurse belegen wollen, aber nicht können, weil diese parallel liegen.

Auflösung des Klassenverbandes

Was für die Organisation des Studiums oder einer gymnasialen Oberstufe kein Problem sein muss, kann für die 10- bis 16-Jährigen durchaus ein solches sein: Es gibt keine quasi-familiäre Geborgenheit mehr in einem festen Klassenverband. Die soziale Rolle muss für jeden Modulverbund neu gefunden werden. Das kann bestenfalls problemlos funktionieren, vielleicht aber auch zu generell herabgesetzten Sozialkontakten zwischen den Schüler/innen führen und im schlechtesten Fall zu fortgesetzten Spannungen; aber die gibt es ja genauso auch im Klassenverband.

In einem Jahrgangsklassen – Klassenlehrer – System gibt es hohe Flexibilität: Wenn die Lehrkraft entscheidet, dass man das 45-Minuten-Raster durchbrechen muss, um eine angefangene Einheit sinnvoll zu Ende zu führen, dann gibt es diese Möglichkeit. In einem Modulraster ist man dagegen festgelegt und muss die Einheit beenden. Punkt.

Viel Bewegung

Während im Jahrgangsklassen-System die Schüler/innen meist in „ihrem“ Klassenzimmer zuhause sind, müssen sie sich zwischen den Modulen immer wieder durch das Schulhaus hin- und her bewegen. Abgesehen von den möglichen Orientierungsproblemen der jüngeren Kinder muss man in der Organisation einiges an Weg-Zeit-Verlusten einkalkulieren. Vermutlich ist es sinnvoll, das Kurzstunden-Raster aufzugeben und gleich auf Doppelstunden überzugehen. Aber dann sind wir zurück bei der ersten Frage: Kann die Breite der nötigen allgemeinbildenden Inhalte auf Sekundarstufe I in Doppelstunden-Modulen gefasst werden?

Differenzierungsspektrum

Eine breite Differenzierung macht zusätzliche Module nötig. Damit ergibt sich für kleine Schulen ein Optimierungsproblem: Je kleiner die Schule, desto weniger Leistungsdifferenzierung ist möglich. Damit treten irgendwann die erwünschten Effekte nicht mehr ein, und man kann die Modularisierung auch gleich sein lassen.

Sehr viel Charme enthält die Vorstellung einer breit angelegten modularisierten Differenzierung in einer Realschule: Sie kann so weit sein, dass sie auf der einen Seite Schüler/innen auf Hauptschulniveau fördert (und weiterbringt), auf der anderen Seite aber auch gymnasiales „Futter“ bereithält, damit die sehr leistungsfähigen Schüler/innen ebenfalls positiv herausgefordert werden. Aus dieser Realschule wäre dann unter der Hand und ohne ideologische Streitigkeiten eine Schule für Alle geworden.

Warum nicht. Einen Versuch wäre es wert.

Literaturverzeichnis
Roland Berger Stiftung. (Dezember 2017). Schule 4.0: Bildungsgerechtigkeit als Basis für sozialen Frieden, Wachstum und Wohlstand.

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