People #7: Unerhörte Experten

Diesen Beitrag widme ich einer ganzen Gruppe von Experten, die in der pädagogischen Forschung in Deutschland – wie man so schön sagt – einen Namen haben. Vor 10 Jahren haben sie ein gemeinsames Dokument erarbeitet, das einige inzwischen weit verbreitete Erkenntnisse und etliche revolutionäre Folgerungen enthielt. Die Gruppe – es handelt sich um den Aktionsrat Bildung – ist in Bayern organisiert, und gerade hier verhallten ihre Rufe weitestgehend ungehört.

Hier die einzelnen Mitglieder des Aktionsrats Bildung. Ein Klick auf die Namen führt zu weiteren Hinweisen.

ehemalige Mitglieder

Der Aktionsrat Bildung hat etliche interessante Jahresgutachten veröffentlicht. Ich gebe hier einen kleinen Ausschnitt aus dem Jahresgutachten zur Bildungsgerechtigkeit wieder, an dem die meisten der oben genannten Experten beteiligt waren und das eigentlich die mit der Dreigliedrigkeit verbundenen Illusionen schon bei seiner Veröffentlichung im Jahr 2007 hätte zerstören müssen. Aber old habits die hard.

Jahresgutachten zur Bildungsgerechtigkeit 2007

Beim Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I läuft offensichtlich alles falsch. Diese Zusammenfassung hätten sich die Lehrkräfte und Systemverantwortlichen in allen Bundesländern (und vor allem in Bayern) hinter die Ohren schreiben, bzw. auswendig lernen müssen. Ich habe einzelne Abschnitte mit bisherigen Blogbeiträgen verlinkt.

Beim Übergang geht alles schief

Übergang in die Sekundarstufe I:

Der Übergang von der Grundschule in die verschiedenen Formen des Sekundarbereichs I ist ein entscheidender Knotenpunkt für die Bildungskarriere.
Der Übertrittsempfehlung aus der Grundschule kommt eine außerordentlich hohe Bedeutung zu, da sie den weiteren Bildungsverlauf stark prägt. Spätere Revidierungen sind mit erhöhten Anstrengungen der Individuen verbunden.
Nur im unteren und oberen Kompetenzbereich entscheiden Lehrkräfte leistungsadäquat. Aber selbst in diesen Segmenten wird noch ein Drittel der Kinder der falschen Schulform zugewiesen, gemessen an ihrem Leistungsvermögen. Die Hälfte aller Kinder aus dem mittleren Kompetenzbereich wird gleichfalls inadäquat zugewiesen.
Der Realschule werden, gemessen am Leistungsstand, ca. 50 Prozent zu wenig Kinder zugewiesen.
Für sehr unterschiedliche Leistungen, die über das gesamte Notenspektrum streuen, werden von verschiedenen Lehrern gleiche Noten gegeben.
Die Befunde bedeuten für die weiterführenden Schulen, dass nicht von einer homogenen Schülerschaft auszugehen ist, womit allerdings die Gliedrigkeit und das auf Leistungshomogenität ausgerichtete Lehr-Lern-Angebot begründet wird.
Trotz ausreichender Leistungsfähigkeit erfolgen sachinadäquate Fehlzuweisungen insbesondere bei Migrantenkindern. Sie werden deutlich häufiger entgegen ihren tatsächlichen Fähigkeiten Haupt- oder Realschulen zugewiesen.
Kinder aus bildungsfernen Schichten haben eine zweieinhalbmal geringere Chance bei gleicher Intelligenz, einer Schulform zugewiesen zu werden, die von Kindern bildungsnaher Schichten besucht wird.
Ausschlaggebend für die Fehleinschätzungen sind die fehlende diagnostische Kompetenz der Lehrer, durchschlagende Vorurteile gegenüber Migrantenkindern und solchen aus bildungsfernen Schichten sowie die unterschiedliche Einflussnahme von Eltern mit unterschiedlichem Bildungshintergrund.

Basis für diese Fehleinschätzung ist die wissenschaftlich längst widerlegte Annahme, dass Kinder unterschiedlichen Begabungstypen entsprächen, die auf unterschiedlichen, hierarchisch gegliederten Schulen am besten gefördert würden. (Lenzen und Blossfeld 2007, S. 137–138)

Einheitsunterricht unter dem Etikett der Differenzierung

Worin sehen die Mitglieder des Aktionsrats Bildung die Hauptursachen für einen Unterricht, der nicht mit der Heterogenität der Schüler umgehen kann?

Als Hauptursachen für das Versagen des Unterrichts in Deutschland gelten: Eine falsche Vorstellung bei Lehrern von einer gemeinsamen Denkstruktur der Klassenmitglieder. Diese führt zu einem „Unterricht von der Stange“, der sich insbesondere im fragendentwickelnden Unterrichtsgespräch äußert. Dieser Unterricht ist durch Lehrerdominanz, wenig Rückmeldungen an die Lernenden und eine fehlende Berücksichtigung der individuellen Lernwege der Schüler gekennzeichnet: Unterricht in Deutschland ist nicht adaptiv!
Gleichartiger Unterricht für alle Lernenden produziert neue Ungleichheiten, wenn die Lernvoraussetzungen selbst ungleich sind. Lernschwächen nehmen zu, Lernstärken, etwa von Hochbegabten, finden keine Berücksichtigung. Kinder mit einem hohen Vorwissen profitieren von diesem Unterricht am stärksten, weil sie Einsatz und Anwendungsmöglichkeiten der im Unterricht besprochenen Inhalte beherrschen, die für sie zu beschleunigten Lernwegen führen. Schwächere Lerner hängen in besonderer Weise von der Qualität des Unterrichts ab. (Lenzen und Blossfeld 2007, S. 140)

Ein einigermaßen revolutionärer Maßnahmenkatalog

Welche Maßnahmen an der Nahtstelle zwischen Grundschule und Sekundarstufe I schlägt der Aktionsrat Bildung vor? Hier meine Zusammenfassung, dann das Zitat:

  • Die Grundschullehrer müssen höhere diagnostische Kompetenzen erwerben!
  • Die aufnehmenden Schulen müssen sich an den Übergängen stärker beteiligen und dafür die Schüler behalten (Abschulverbot)!
  • Auf der Sekundarstufe I gibt es nur noch zwei Schularten: „Sekundarschule“ (also wohl eine für alle) plus Gymnasium! Eine „Einheitsschule“ wird abgelehnt.
  • Aufteilung der Schüler frühestens nach der 6. Klasse!
  • Die Durchlässigkeit (nach oben) muss massiv ausgebaut werden!

Übergang in die Sekundarstufe I:
Die Schullaufbahnempfehlung der Grundschule für die unterschiedlichen Formen des Sekundarbereichs I muss durch eine bessere Diagnostik unterstützt werden. Fehlentscheidungen müssen reversibel sein.

Daneben muss die Beteiligung der aufnehmenden Schule bei den Übergangsempfehlungen gestärkt werden bei einer gleichzeitigen Verpflichtung, ihre aufgenommenen Schüler bis zum Ende der Schulzeit zu unterstützen. Dafür bedarf es extensiver Unterstützungssysteme für jene Kinder, die keine häusliche Unterstützung erfahren.
Das pädagogische Personal der Grundschule ist systematisch Weiterbildungsmaßnahmen zum Erwerb diagnostischer Kompetenz zu unterziehen.

Der Sekundarbereich I wird zweigliedrig (Sekundarschule und Gymnasium) angeboten.

Die Überführung in den Sekundarbereich I findet nicht, wie bisher, nach dem vierten Lernjahr, sondern frühestens nach sechs Jahren (unter Einschluss der Vorschulzeit) statt.

Eine Zusammenführung aller Schulformen im Sekundarbereich I unterbleibt, weil es für die positiven Effekte im deutschen Bildungssystem keine Evidenzen gibt. Zudem steht Eltern ein grundgesetzlich garantiertes Auswahlrecht zu. Die Einführung einer Einheitsschule könnte dieses Recht unterlaufen.

Die Durchlässigkeit der Bildungsgänge im Sekundarbereich I muss massiv ausgebaut werden, um den erheblichen Bildungsreserven aus unteren und bildungsfernen Schichten Aufstiegsmöglichkeiten so lange wie möglich offen zu halten. Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, die Hochschulreife auch nach der Sekundarstufe I bzw. parallel oder nach der beruflichen Ausbildung zu erlangen. (Lenzen und Blossfeld 2007, S. 147–148)

Ach wenn sie nur Gehör fänden! Stattdessen müssen wir uns hier in Bayern mit einem Kultusminister herumplagen, der mit seiner Partei unverdrossen und unaufgeklärt das „differenzierte Schulsystem“ propagiert, schulpolitisch offensichtlich in den 70er Jahren des vergangenen Jahrtausends stehen geblieben ist und immer noch die Grabenkämpfe aus seiner Studentenzeit führen zu müssen meint. Manche Lehrer- und Elternverbände stehen ihm darin nicht nach.

Literaturverzeichnis
Lenzen, D. & Blossfeld, H.-P. (2007). Bildungsgerechtigkeit. Jahresgutachten 2007 (Jahresgutachten, Bd. 2007). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / GWV Fachverlage GmbH Wiesbaden.

3 Kommentare

  1. […] Dieses Nebeneinander von Schulen des gemeinsamen und des gegliederten Types, das zeigen die Besuchszahlen, wurde von vielen Familien akzeptiert. Aber nicht nur das. Sondern es wird auch in der wissenschaftlichen Forschung seit etlichen Jahren von einer möglichen und wünschenswerten strukturellen Zweigliedrigkeit (Gymnasium plus eine Form des gemeinsamen Lernens) gesprochen. So lautete schon vor mehr als 10 Jahren eine Empfehlung des Aktionsrats Bildung: […]

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