Gast #11: Meike Mustin rechnet mit der Schule ab

meike_mustinIch bin kürzlich im Web (Noizz.de) auf diese Abrechnung gestoßen. Die Verfasserin, Meike Mustin, stammt aus Köln, ist 21 Jahre alt und studiert derzeit in Bonn Psychologie. Sie spricht in diesem Beitrag viele wichtige Punkte an: den Stress im letzten Grundschuljahr, die geringe Nachhaltigkeit und fehlende Tiefe des Lernens auf dem Gymnasium, die Zweifelhaftigkeit mancher Inhalte, die mangelhaften oder nicht vorhandenen Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern, usw.

Sollten bei dem ein oder anderen Leser Fragen oder etwas Diskussionsbedarf auftauchen, ist sie jederzeit unter ihrem Twitteraccount (https://mobile.twitter.com/MaikeMustin) erreichbar.

 

Ode an die Mathematik

„Oh Mathematik! 

Du und deine miesen Zahlen 

bereiteten mir Höllenqualen. 

Analysis, Integral und Geometrie 

– Verstehen werde ich es nie. 

Die ständige Suche nach dem x 

nützte mir letztendlich nix. 

Und nach gefühlt Millionen Rechenaufgaben,

die mein Gehirn zerstückelt haben,

wurde mir letztendlich klar,

dass all die Zeit verschwendet war.

Schon wenn ich an Mathe denke bloß,

lässt mich dieses Gefühl nicht los:

Ich bin ganz gewiss zu dumm. 

Das wars wohl mit dem Studium. 

Doch ab jetzt ist mir das egal. 

Ich erspare mir die Rechenqual, 

denn meine Zukunft liegt ganz klar 

als Einhorndresseur in Narnia.“ 

Dieses lyrische Meisterwerk namens „Ode an die Mathematik“ verfasste mein 18-jähriges, verzweifeltes Ich an einem verregneten Nachmittag im März während einer Doppelstunde Mathematik.

Mein Abitur liegt mittlerweile schon fast 4 Jahre zurück, doch ich erinnere mich noch daran, als sei es gestern gewesen, wie ich dort saß und dieses Gedicht in mein Matheheft kritzelte. Es war die einzige kreative Leistung, die ich an diesem Tag erbracht hatte.

Vorne rechnete der Lehrer gerade irgendeine Aufgabe vor. Ich war schon ab der zweiten Zeile nicht mehr mitgekommen. Also schrieb ich ein Gedicht – vor Langeweile, Wut und Frustration.

Nun haben wir schon 2017. G8 soll wieder abgeschafft werden und Deutschland atmet auf, als wäre dies die Lösung, auf die wir alle gewartet hätten. Aber es ist ja so: Wenn ich jemandem, der ein Bein verloren hat, seinen dicken Zeh wieder annähe, kann er immer noch nicht laufen.

Als ich mit der Schule fertig war, brauchte ich ein paar Monate, wenn nicht sogar Jahre, um mich zu akklimatisieren. Aber nicht, weil ich die Schule vermisste. Vielmehr war ich ein demotivierter, desillusionierter und desinteressierter Mensch geworden. Nach all den Jahren wusste ich eigentlich nur, was ich alles nicht gut konnte.

Aber wie war es so weit gekommen? Die Grundschulzeit war doch so schön gewesen. Am Gymnasium dagegen fühlte ich mich immer so, als würde ich vor einem riesigen Buffet stehen und dürfte von den ganzen leckeren Speisen nur die Saucen probieren. Und sollte es in der Sauce mal etwas zu kauen geben, wurde es für mich vorgekaut und mir als unappetitlicher Brei serviert.

Ich lernte von einer Vielzahl von Themen ein bisschen. Die Tiefe fehlte. Der Lehrer vorne gab mir vor, wie der Stoff zu lernen war. Ob das auch meine Art war zu lernen war egal. Es war, als würde ich an der Oberfläche von einem riesigen See voller Wissen schwimmen und hätte dabei meine Schwimmflügel an.

Aber mit Schwimmflügeln lernt man nicht richtig schwimmen. Und wer nicht schwimmen kann, der kann auch nicht abtauchen und sich anschauen, was weiter unten in dem See zu finden ist. Ich lernte viel auswendig. Manchmal musste ich selber denken. Aber nicht zu oft.

Auch die Themen, die wir behandelten, lösten leider keine Wellen der Euphorie in in mir aus. Das Syndikat junger Philosophen namens „K.I.Z“ rappte in „Ein Affe und ein Pferd“ einst: „Ich war in der Schule und habe nichts gelernt.“ Diesen Satz finde ich auf meine Schulzeit bezogen recht zutreffend.

Zugegeben, ich habe nicht nichts gelernt, aber das Wissen, das mir in der Schule vermittelt wurde, ist teils derartig fern von jedem Alltagsbezug, dass ich es seit dem Ende meiner Schulzeit kaum eingesetzt habe. Dementsprechend ist die Halbwertszeit dieses Wissens verschwindend gering. In Spanisch lernte ich nicht, wie ich mir im Restaurant eine Cola bestellen konnte, sondern wie die Azteken ihre Kinder bestraften. Bisher habe ich leider noch keinen Spanier gefunden, der sich mit mir darüber unterhalten wollte.

Im Deutsch-LK las beziehungsweise übersetzte ich Bücher wie „Iphigenie auf Tauris“, „Kabale und Liebe“ oder „die Buddenbrooks“. Und da wundern sich noch Leute, warum die Jugend in Deutschland nicht mehr gerne liest.

Meine Mitschüler und ich haben oft Kritik bezüglich der Inhalte geäußert. Wir fragten uns häufig, wofür in aller Welt wir so manches Thema irgendwann einmal gebrauchen sollten. Ein Lehrer vertröstete uns einmal mit der Antwort: „Kinder, in der Schule sollt ihr ja auch keine konkreten Fertigkeiten wie z.B. Buchhaltung erlernen. Ihr sollt umfassend gebildet werden, um mit JEDER Problemstellung umgehen zu können.“

Ich frage mich bis heute, warum denn das eine das andere ausschließt. Wieso sollte man nicht an alltagsnahen Fragen, Problemstellungen oder Projekten seinen Horizont erweitern können?

Wenn man die Themen ändert, mit denen sich heutzutage die Schüler in Deutschland abmühen, könnte man vielleicht erreichen, dass der ein oder andere tatsächlich mal wieder etwas intrinsische Motivation aufbringt, um sich mit den Inhalten näher zu befassen.

Stattdessen lernen die Schüler in Deutschland, wenn wir ehrlich sind, doch nur noch für gute Noten. Das Notensystem sorgt dafür, dass das Schulsystem komplett schwächenzentriert arbeitet.

Statt dem Schüler zu zeigen, was er gut kann, wird hervorgehoben, in welchen Bereichen er sich noch verbessern muss. Denn der Schnitt muss stimmen. Die NC-Werte an den Universitäten steigen immer weiter. Aber wer ist denn bitte in allem gut oder sehr gut? Und was ist das eigentlich für ein System, in dem 11-Jährige weinend auf dem Schulflur stehen, weil sie an der sogenannten „Erprobungsstufe“ des Gymnasiums gescheitert sind?

11-Jährige sollten auf dem Schulflur Panini-Bilder tauschen, Fangen spielen oder mit Fidgetspinnern um sich werfen. Aber ganz bestimmt sollte niemand von ihnen schon in diesem Alter suggeriert bekommen, für irgendetwas nicht ausreichend zu sein.

Ich finde es fraglich, einem Jugendlichen eine Reihe von Zahlen zuzuordnen, die dann seinen weiteren beruflichen Werdegang bestimmen sollen. Mein Gehirn funktionierte in der Pubertät ähnlich wie ein Computer mit Windows 95: Es konnte zwar einiges speichern, brauchte allerdings für viele Dinge eine Weile und ab und an hatte es auch einen Totalausfall.

Menschen, die unter Einfluss von Alkohol oder Drogen eine Straftat begehen, werden vor Gericht in Deutschland doch auch nachsichtiger behandelt. In der Pubertät kämpft die ganze Welt manchmal gegen einen. Der Zustand ist bei dem ein oder anderen sicherlich vergleichbar mit einem Vollrausch.

Und die Moral der ganzen Geschichte lautet: Das deutsche Bildungssystem muss sich grundlegend ändern! Da reicht keine Reform, es sollte besser eine Art Urknall sein. Wir brauchen eine Alternative zum aktuellen Benotungssystem, das einen riesigen Druck auf die Schüler aufbaut.

Wir brauchen eine Alternative zur aktuellen Didaktik, in der die Schüler nicht mehr mit Wissen gemästet werden wie eine Weihnachtsgans, sondern, auch unabhängig von dem Lernfortschritt ihrer Mitschüler, ihre Lehre aktiv selber gestalten können.

Damit dies gelingt, brauchen wir aber auch sinnvolle Themen, die die  Schüler zum Lernen animieren und sie zu analytischen und kritischen Denkern heranwachsen lassen. Die klügsten Köpfe Deutschlands sollten zusammenkommen und sich Alternativen ausdenken. Lehrer, Schüler, Pädagogen, Psychologen, Neurowissenschaftler oder Bildungswissenschaftler. Zugegeben, es wäre ein sehr schwerer Weg, aber es ist auch ein sehr notwendiger Weg.

Und vielleicht gibt es dann irgendwann wirklich eine Art Bildungsurknall und das Schulsystem, wie wir es heute kennen, existiert gar nicht mehr. Vielleicht entsteht ein völlig neues Konzept, das wir uns zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht vorstellen können.

Um diesen Weg jedoch gehen zu können braucht es auch mutige Politik. Eine Politik, die Raum für solche Überlegungen schafft und später auch den Mut aufbringt, um sie umzusetzen. Leider sind wir davon derzeit noch ähnlich weit entfernt wie Donald Trump vom Friedensnobelpreis. Wir feiern lieber erst mal die angekündigte Rückkehr zu G9. Dabei ist die nur ein ganz kleiner Schritt in die richtige Richtung.

Zuerst erschienen auf Noizz.de.

Mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin.

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