Sichtweisen #11: Im Stich gelassen

Ich gebe hier den aktuellen Newsletter des Bayerischen Schulleitungsverbandes (bsv) wieder (Nr 114 – 03.10.2017).

1. Im Stich gelassen – Schulleitung an Grund- und Mittelschulen!

Mit dieser Redensart, die sich von einem im Turnier „im Stich gelassenen“ Ritter aus dem Mittelalter ableitet, können die meisten Leiter an Grund- und Mittelschulen ihre Gefühlslage angesichts der tagtäglichen Schulrealität beschreiben. Wie oft hatte der Bayerische Schulleitungsverband BSV in Gesprächen mit Politikern und Vertretern des Kultusministeriums auf die Notlage hingewiesen, welche die beständige Aufgabenmehrung in der Schulleitung in den letzten zwei Dekaden mit sich gebracht hat? Wie oft war uns versprochen worden, dass man gerade derzeit dabei sei, die Lage zu verbessern und Anrechnungsstunden und Entlastungen zu erhöhen?!

Die aktuelle „Lage“ in den Pflichtschulen ist gekennzeichnet durch zusätzliche Belastungen

  • mit immer schwieriger werdenden Schülern und deren Eltern in „psychosozialen“ Problemlagen und herausfordernden Integrations- und Inklusionsaufgaben
  • mit enormen Zusatzarbeiten bei der Organisation des offenen und des gebundenen Ganztags in der Grundschule, Mittelschule und Förderschule
  • mit zusätzlichen Problemen und Aufgaben mit zigtausenden Kindern von Migranten, die zu Hause kaum oder gar nicht deutsch sprechen, aber der Schulpflicht unterliegen und die bei uns „landen“
  • mit dem neuen Schulverwaltungsprogramm ASV, das vielen vorkommt wie eine zusätzliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahme statt eine Entlastung durch funktionierende, unkomplizierte digitale Informationsverarbeitung
  • mit neuen Lehrplänen und der Herausforderung, sowohl mit der Anschaffung der Hardware als auch mit der Implementation von Software der geforderten digitalen Schule bei ärmlichster Ausstattung mit Systembetreuerstunden fertig zu werden
  • mit einer neuen drohenden Abschlussrunde 2018 der periodischen dienstlichen Beurteilung, bei der die Schulleiter zwar die meiste Arbeit machen, aber keine End-Entscheidung haben und sich oft entmündigt zwischen allen Stühlen fühlen.

Das Ganze und noch viel mehr mutet uns bei eklatantem Lehrermangel der Dienstherr zu, der uns eine unglaublich hohe Unterrichtsverpflichtung aufbürdet und uns zu Lehrern mit Nebenjob „Schulleiter“ und oft sogar zu Klassenleitern „inter pares“ gegenüber den Lehrkräften macht, deren Vorgesetzte wir sein sollen.
Das Gleiche gilt mit kleinen Nuancen auch für die Stellvertreter, die Konrektoren, denen die Schulleiter von ihrem Kontingent meist in sehr bescheidenem Maße Anrechnungsstunden abgeben müssen und die im Vergleich zu funktionslos beförderten Studienräten ohne Zusatzaufgaben in der Leitung sich als „ausgenützt“, um nicht zu sagen als „die Dummen“, vorkommen.

2. Was wurde aus den versprochenen Entlastungen, von denen im Frühjahr die Rede war?

Wir vom BSV empfanden es nach den zehn schulpolitisch unruhigen G8-Jahren als ausgleichendes „Zuckerl“ bei der Bekanntgabe der Rückkehr zum G9-Gymnasium, dass zur Entlastung der Volksschulleiter 150 Stellenäquivalente zur Verfügung gestellt würden und auch im Bereich der Verwaltungsangestellten von ca. 100 neuen Stellen gesprochen wurde. Wir glaubten den angekündigten Versprechungen der Staatsregierung. Es hieß, durch die zusätzlichen Milliarden an Steuermehreinnahmen sei Geld nun nicht mehr das Problem.

Wir fragen uns nun, was ist denn dann das Problem? Warum hat das „Bildungspaket“ seinen Empfänger nicht gefunden?

Gekommen ist für uns nämlich nichts, null, nichts, gar nichts! Warum gingen erneut wir Schulleiter leer aus? Ist nicht die gute Schulführung das wichtigste Qualitätsmerkmal der Schulen?

Kein Außenstehender kann glauben, dass ein Schulleiter, der an seinen Schulen offenen und rhythmisierten Ganztag zusätzlich am Nachmittag organisiert, dafür weder Zeit noch Geld bekommt. Das ist leider weiterhin so, Schulen mit oder ohne Ganztag bekommen die gleiche minimale Leitungszeit, die im Vergleich zu anderen Schularten deutlich mehr Unterrichtsverpflichtung für Rektor und Konrektor bedeutet.

Natürlich wissen wir, dass die Unterrichtsversorgung der Schüler bei steigender Schülerzahl mehr Lehrerstunden fordert. Aber man hätte mit Sicherheit noch mehr freie Lehrkräfte aus anderen Schularten einstellen können. Vor allem hätte man aber unsere Vorschläge aufgreifen können, die Grundschullehrkräfte aus dem aus unserer Sicht luxuriösen Einsatz als Übertrittslotsen an Gymnasien und Realschulen zurückzuholen. Auch durch eine dreijährige Pause bei der externen Evaluation hätten enorme Ressourcen an Lehrerstunden gewonnen werden können, die dann sinnvoll zur Entlastung der Schulleitungen hätten eingesetzt werden können. Aber diese Vorschläge wurden ignoriert.

Wo ein Wille, da ein Weg. Umgekehrt schließen wir daraus, dass es mit dem politischen Willen zur Unterstützung der Grund- und Mittelschulen nicht weit her ist. Nach wie vor sind wir das Stiefkind, das Gymnasium das Lieblingskind. Wir können uns gut vorstellen, dass dieses Thema zum Bildungs-Wahlkampfthema Nr. 1 der im nächsten Jahr bevorstehenden Landtagswahlen wird.

 3. Anrechnungsstunden-Pool für kooperative Schulführung an großen Grund- und Mittelschulen

Mithilfe des BSV wurde in einem Bündnis mit dem BLLV und der KEG im letzten Schuljahr erreicht, dass die erfolgreichen Führungsstrukturen in den Schulen des Modus-F-Schulversuchs auch im Schuljahr 2017/2018 weitergeführt werden konnten. Es besteht die Zusage des Ministeriums, dass kooperative Führungsstrukturen an großen Grund- und Mittelschulen in einer schulspezifischen Weise etabliert werden sollen.

Es kann und darf nicht sein, dass erweiterte Schulleitung mit zusätzlichen Mitteln zum Standard für die Schulleitungen an den anderen Schularten wird und gleichzeitig die Grund- und Mittelschulen aber leer ausgehen. Die Verzögerung im Volksschulbereich liegt mit Sicherheit nicht an den engagierten ehemaligen Modus-F-Schulleitern, ganz im Gegenteil. Sie haben praktikable, tief durchdachte Vorschläge gemacht.

Es wird nun höchste Zeit, ein alternatives Modell einzuführen, bei dem sinnvolle Führungsstrukturen auch an Volksschulen neue Möglichkeiten eröffnen. Wie das Kind heißen soll, ist nebensächlich. Hauptsache, es wird nicht erwartet, dass die Volksschulleute das wieder zum Nulltarif und ohne Anrechnungsstunden machen.

An jeder größeren Schule gibt es enorme personelle Ressourcen, die sich gezielt und effektiv für eine bessere Führungsqualität einsetzen lassen. Dies soll freiwillig und auf Antrag geschehen und ist verbunden mit zusätzlichen Anrechnungsstunden für genau beschriebene Führungsaufgaben. Diese Aufgabe sollte das Kultusministerium mit der Abteilungsleitung des Volksschulbereichs zeitnah in Angriff nehmen. Dafür stehen sowohl der BSV im Bündnis mit dem BLLV und der KEG als auch die ehemaligen Modus-F-Schulleiter aus dem Volksschulbereich gern zur Hilfe bereit.

Quelle: https://www.bsv-bayern.info/cms2/newsletter/listid-1/mailid-102-newsletter-bayerischer-schulleitungsverband-nr-114

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