Faktencheck #18: Machen Privatschulen ein Schulsystem besser?

„Völlig unstrittig ist indessen in der bildungsökonomischen Forschung, dass Wettbewerb zwischen privaten und öffentlichen Schulen die Qualität eines Schulsystems insgesamt deutlich verbessert.“

Sehr vollmundig, was Rainer Hank, ein promovierter Literaturwissenschaftler und Redakteur der FAZ hier schreibt.

Man darf diese Aussage als eine Art These des Neoliberalismus sehen, der im Gefolge Milton Friedmans davon ausgeht, dass eine möglichst freie Schulwahl durch die Eltern gute Schulen wachsen und schlechte Schulen eingehen lässt, so dass dadurch ein Verbesserungsdruck auf das Schulsystem insgesamt ausgeübt wird (nach Sahlberg, S.16).

Obwohl ich selbst an einer Privatschule arbeite, hege ich doch gewisse Zweifel an dieser Behauptung und lese mit Interesse, welche Beobachtungen dazu bereits gemacht werden konnten – in aller Unvollständigkeit:

Chile

In Chile, wo etwa die Hälfte aller Schüler mit Bildungsgutscheinen (Vouchern) eine privat geleitete Schule besucht, gab es leichte Verbesserungen in den Schülerleistungen, die sich auch in PISA niedergeschlagen haben; allerdings wurden diese Fortschritte erkauft durch eine zunehmende und spannungsreiche soziale Segregation:

The less-than-satisfying improvements in quality and increased socioeconomic stratification have resulted in civil unrest, with Chilean students protesting rising inequities. (Sahlberg 2016, S. 21)

Schweden

In Schweden findet man privat geleitete, aber staatlich finanzierte so genannte „charter schools„, die etwa 25% von allen Schulen ausmachen. In der Sekundarstufe II sind sogar um die 50% aller Schulen in dieser Weise privatisiert. Zunächst hatte man den Eindruck, dass dieses System funktioniert. Allerdings sind einige dieser ursprünglich erfolgreichen profitorientierten charter schools pleite gegangen, was zu Zweifeln an der Wirksamkeit der Privatisierung geführt hat:

Sweden’s steady decline on international educational assessments is not easily explained by traditional economic theories. In addition, several initially successful for-profit charter schools have suffered bankruptcy, which together with declining results has eroded confidence in the efficacy of the reforms. (Sahlberg 2016, S. 22)

Indien

In Indien gibt es seit vielen Jahren die Möglichkeit für reiche Eltern, ihre Kinder auf private Eliteschulen zu schicken. Mit neuerer Gesetzgebung wurden diese Schulen gezwungen, 25% ihrer Plätze für Kinder vorzuhalten, die aus benachteiligte Familien stammen und mit staatlichen Vouchern ausgestattet werden. Das ist natürlich auf heftige Widerstände seitens der ursprünglichen Elternschaft solcher Schulen gestoßen. Aktuell schätzt man, dass zwischen einem Viertel und der Hälfte aller Schüler eine private Schule besuchen, die a) entweder wenig kostet oder b) teurer ist, dafür mit staatlichen Bildungsgutscheinen besucht werden kann oder bei der es sich c) um eine teuere Privatschule der traditionellen Art handelt.

Es gibt Untersuchungen, die gegenüber den staatlichen Schulen leicht verbesserte Testergebnisse nach Einführung der Bildungsgutscheine und eine erhöhte Kosteneffizienz feststellten.

Es gibt dennoch auch die verbreitete Befürchtung, dass eine stärkere Wahlmöglichkeit der Familien zu stärkerer sozialer Segregation führt.

Finnland

Auch in Finnland gibt es die Möglichkeit, öffentliche Schulen mit einem bestimmten Schwerpunkt zu wählen. Die Eltern machen davon aber wenig Gebrauch. Es herrscht die Überzeugung vor, dass die öffentlichen Schulen über das ganze Land gut genug für das eigene Kind sind. Hier geht es mehr um Chancengleichheit und weniger um Orientierung an den Prämissen eines Marktes oder Konkurrenz.

Parents in Finland value all the educational options available to them and feel strongly about equality, rejecting the »tenets of market-oriented schooling or the ideology of competition and giftedness« (…). This is possibly the clearest example of where traditional economic theory fails to explain human behavior. (Sahlberg 2016, S. 25)

Dabei sollte man nicht vergessen, dass Finnland von Anfang an und auch immer noch in der Spitzengruppe von PISA rangiert.

USA

In den USA ist derzeit ein großer Streit um Charter Schools im Gange. Hierzu empfehle ich Diane Ravitch’s Blog.

Hier dazu noch ein Zitat aus einer Rezension zu Diane Ravitch’s Buch „Reign of Error“:

Charter Schools werden heute als Alternative zur staatlichen Schule mit dem Ziel der Kostendämpfung im Bildungswesen propagiert. Wo sie tatsächlich Kosten sparen, erreichen sie dies überwiegend durch Kürzung der Ausgaben für Lehrkräfte. Letztere sind dann in der Praxis deutlich schlechter ausgebildet. (Quelle)

Und hier noch eine aktuelle Studie aus Arizona über den Missbrauch staatlicher Finanzen durch das Management von Charter Schools.

Fazit

Die Zuversicht, die Herr Hank in der FAZ äußert, muss durch diese Erfahrungen etwas relativiert werden:

Der Erfolg der Wettbewerbsorientierung eines ist weder „unstrittig“, noch ist eine „deutliche“ Verbesserung von Schulsystemen sichtbar.

Man darf diese Stellungnahme wohl ohne besondere Verluste auf den Haufen ideologisch gefärbter bildungspolitischer Dogmen werfen, mit denen außerschulische Experten mangels eigener Erfahrungen zuweilen umgehen.

Literatur: 
Sahlberg, P. (2016). Hard Questions on Global Educational Change. Policies, Practices, and the Future of Education. New York, NY: Teachers College Press.

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