Fail #17: In den Klauen des Schweinezyklus‘

Heute in der Rektorenkonferenz eines bayerischen Landkreises: Mehr als die Hälfte der Zeit geht für die Verwaltung des Mangels in der Lehrerversorgung drauf. Es fehlen ausgebildete Grund- und Mittelschullehrer; dafür muss man mit Pensionisten und nicht immer geeigneten Realschul- und Gymnasiallehrern klarkommen. Es fehlen mobile Reserven (bzw. sind absehbar bereits ausgeschöpft). Der Versorgungsgrad bei Fachlehrern liege bayernweit bei 70%.

Der Kultusminister sagt: „Der Freistaat Bayern strengt sich massiv an, um die Unterrichtsqualität nicht nur zu halten, sondern zu verbessern. Wir investieren ja, wenn dann das Bildungspaket dazu kommt, noch einmal 2.000 zusätzliche Planstellen. Wir haben mit gut 87.000 Beamtenplanstellen und – ich glaube – noch einmal 20.000 Tarifvertragsbeschäftigten den höchsten Stand an Lehrkräften seit 1946. Auf eine Lehrkraft kommen rechnerisch 13,8 Schüler. Das sind so wenig wie noch nie.“ (Dr. Ludwig Spaenle; BR vom 07.09.17)

 

Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband sagt: „Wir sehen die Bildungsqualität in Deutschland deshalb in Gefahr, weil es Themen gibt, wie die Integration, die Inklusion, die individuelle Förderung, die Ganztagsschule, die wir nicht bedienen, wenn wir starten mit einer Unterrichtsversorgung, die auf Kante genäht ist. Und dann soll alles on top funktionieren. Das haut nicht hin, das haben wir erlebt und das können wir uns längerfristig nicht leisten… Es geht um die Integration, die Inklusion, die Ganztagsschule, die Digitalisierung – das sind doch Themen, die Schule jetzt vorhalten will. Dazu brauchen wir Men- and Women-Power. Dazu brauchen wir mehr als die Grundversorgung und mehr als 100 Prozent am ersten Schultag.“ (Simone Fleischmann, Präsidentin; Quelle: BR)

 

Die Oppositions-SPD sagt: „Wir stellen fest, dass wir eine auf Kante genähte Lehrerversorgung haben und wir haben noch nie so viele schulartfremde Lehrkräfte in den Grund-, Mittelschulen und Berufsschulen – also in den Pflichtschulen – gehabt, wie heute. Und da habe ich große Sorge, dass wir in diesem Jahr wieder auf einen historischen Unterrichtsausfall zusteuern, weil einfach zu wenig Lehrkräfte da sind.“ (Martin Güll MdL, ehem. Rektor einer Mittelschule; Quelle: BR)

 

Die GEW schlägt vor,  über ein gleiches Eingangsgehalt für alle Lehrkräfte (A13/E13) die Attraktivität der Arbeit an den Grund- und Mittelschulen zu erhöhen… Eine dauerhafte und langfristige Lösung des Problems von Mangel an Lehrer*innen und gleichzeitiger Arbeitslosigkeit von Lehrkräften strebt die GEW über eine Reform der Lehrer*innenbildung in Richtung von Stufenlehrkräften an. Diese werden nicht mehr strikt getrennt nach Schularten ausgebildet, sondern nach Jahrgangsstufen der Schüler*innen (Jgst. 1 bis 6 bzw. Jgst. 5 bis 13). Das Prinzip der Fachlichkeit wird bei dieser Reform der Lehrer*innenbildung beibehalten. So könnten die Pädagog*innen gut in verschiedenen Schularten arbeiten. (Quelle)

 

Dazu sagt der Bayerische Philologenverband: „Da halten wir nichts davon. Dahinter stecken Vorstellungen von einer einheitlichen Lehrerausbildung, die dann hinführen soll, schließlich auch zu einer Art Einheits-Schule zu kommen. Ich denke, Bayern tut gut daran, hier bei seinem bewährten, dreigliedrigen, viergliedrigen Schulwesen zu bleiben. Experimente in dem Bereich würde ich hier ablehnen.“ (Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbands, Michael Schwägerl; Quelle: BR)

 

Das drei- bis viergliedrige Schulsystem hat sich bewährt? Dazu darf ich ein Zitat aus Fail #7 wiederholen:

Bewährung der Dreigliedrigkeit?

[Eine pragmatische Begründung der Dreigliedrigkeit] geht nicht von gesellschaftlichen oder anthropologischen Zusammenhängen aus, sondern erschöpft sich in der Aussage, dass sich die Dreigliedrigkeit ‚bewährt‘ habe. Worin im Einzelnen diese Bewährung liege, wird nicht deutlich. (Ipfling 1991, S. 90)

Das dreigliedrige Schulsystem hat seine Wurzeln in der ständischen Struktur

Die historische Entwicklung unseres dreigliedrigen Schulsystems spiegelt die ursprünglich ständische Struktur der Gesellschaft wieder (Ipfling 1991, S. 84)

Da ich die Erfahrung gemacht habe, dass Gymnasiallehrkräfte zuweilen den Dünkel der Wissenschaftlichkeit besonders hoch vor sich hertragen, möchte ich auf Erkenntnisse der pädagogischen Forschung hinweisen, die in diesem Blog bereits verarbeitet wurden und das genaue Gegenteil besagen. Man sehe sich dazu nur die unterschiedlichen Faktenchecks an! Außerdem Sichtweisen #1 zur Unterrichtsversorgung.

Diese Erkenntnisse sind dem Vorsitzenden des Philologenverbandes entweder nicht bekannt oder er will sie nicht kennen.

Und unser Kultusminister ist in den Klauen des Schweinezyklus gefangen, weil er eine Lehrerbildung in Richtung Stufenlehrer ebenfalls aus parteipolitischen oder ideologischen Gründen ablehnt.

Wir Schulleiter, unsere Lehrerinnen und Lehrer, vor allem aber die die Kinder, haben den Schaden.

 

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