Faktencheck #16: Gymnasialempfehlungen der Lehrer hängen ab vom Einkommen der Eltern

Der Zusammenhang von ökonomischem Status der Eltern und der Laufbahnempfehlung von Lehrkräften ist vielfach nachgewiesen und wird nun erneut bestätigt: Je höher das Einkommen einer Familie, desto eher geben die Lehrer eine gymnasiale Empfehlung – und umgekehrt. Dies ist eines der Ergebnisse von TIMSS 2015 (Trends in International Mathematics and Science Study).

In meinem Aufsatz zum Menschenbild habe ich auf Seite 10 ein Diagramm abgebildet, welches nachweist, dass die Laufbahnempfehlungen keinesfalls rein leistungsbezogen erfolgen, sondern eine hohe Korrelation mit der Herkunft, bzw. dem Elternhaus des jeweiligen Kindes aufweisen, ein Effekt, der auch „sozialer Stereotyp“ genannt wird. Das Diagramm bezog sich auf Daten aus der Internationalen Grundschul-Leseuntersuchung (IGLU) von 2006.

IGLU_2012

Diese Daten können mittels TIMSS 2015 aktualisiert werden (siehe das folgende Diagramm). Das zweite Säulenpaar von links zeigt, dass bei Kindern aus hohen Einkommensschichten die Lehrer bei 526 (Mathe) bzw. 530 (Nat.Wiss.) Leistungspunkten eine Gymnasialempfehlung aussprechen. Kommen die Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen, erfolgt die Empfehlung erst bei 573, bzw. 604 Punkten. Die Unterschiede von 44 (Mathe), bzw. 74 Punkten (Nat.Wiss.) entsprechen mehr als einem Lernjahr.

Die Lehrkräfte geben also ihre Laufbahnempfehlung in starker Abhängigkeit vom ökonomischen Hintergrund der jeweiligen Kinder. Der Frage, wieso sie das tun, bin ich in meinem Aufsatz nachgegangen.

DiagrammTIMSS2015

Hier das erläuternde Zitat der Verfasser:

Während Kinder aus der oberen Dienstklasse bereits mit einer Kompetenz, die 4 Punkte (Mathematik) beziehungsweise 2 Punkte (Naturwissenschaften) oberhalb der deutschen Mittelwerte liegt, gute Chancen auf eine Gymnasialpräferenz ihrer Lehrkräfte haben, benötigen Kinder von (Fach-) Arbeitern 570 beziehungsweise 594 Punkte. Die Differenzen zwischen diesen beiden EGP-Klassen liegen sowohl für Mathematik als auch für Naturwissenschaften somit deutlich über dem, was Grundschulkinder durchschnittlich in der vierten Klasse dazulernen (Wendt, Kasper, Bos, Vennemann & Goy, in Druck). (Stubbe et al. 2016, S. 362)

Und hier noch die Tabelle, der ich die Werte für das obige Diagramm entnommen habe. Es enthält noch andere Differenzierungen, nämlich die nach Jungs und Mädchen oder nach dem Migrationshintergrund.

Gruppenspezifische_Standards_TIMSS2015

Literatur
Stubbe, T. C., Lorenz, J., Bos, W. & Kasper, D. (2016). Der Übergang von der Primar- in die Sekundarstufe. In H. Wendt, W. Bos, C. Selter, O. Köller, K. Schwippert & D. Kasper (Hrsg.), TIMSS 2015. Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich (S. 351–365). Münster: Waxmann.

4 Kommentare

  1. […] Die sekundären Herkunftseffekte beschreiben die Tatsache, dass Schüler und Eltern unterschiedliche Bildungsaspirationen mitbringen – je höher der Abschluss der Eltern, desto höher die Erwartungen an das Kind und an die Bildungswegempfehlungen der Lehrer. Wie unterschiedlich sich diese auswirken, haben wir in diesem Blog bereits dargestellt, siehe den Faktencheck #16. […]

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