Gäste #5: Gabriele Bellenberg / Gerd Möller – Ungleiches ungleich behandeln!

Standortfaktoren berücksichtigen – Bildungsgerechtigkeit erhöhen – Bildungsarmut bekämpfen

BellenbergGabriele Bellenberg, Dr. phil., ist Professorin für Schulforschung und Schulpädagogik und geschäftsführende Direktorin am Institut für Erziehungswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum sowie Prodekanin der Fakultät III. Zudem ist sie Mitglied der Erweiterten Leitung der Professional School of Education (dort zuständig für die Umsetzung und wissenschaftliche Begleitung des Praxissemesters) und stellvertretende Direktorin des Instituts für Bildungsforschung und Bildungsrecht an der Ruhr-Uni Bochum.

MöllerGerd Möller war Leiter der Gruppe Bildungsforschung im Ministerium für Schule und Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen, Mitglied der deutschen Expertengruppe für Mathematik in PISA und Repräsentant für Deutschland im OECD-Network D (EAG). Gegenwärtig ist er Mitherausgeber des Monatsmagazins „Schulverwaltung – Zeitschrift für Schulentwicklung und Schulmanagement. Er ist Autor zahlreicher Fachpublikation und arbeitet derzeit mit dem Schwerpunkt Bildungsgerechtigkeit.

Die Möller-Bellenberg-Studie befasst sich mit dem sozialen Umfeld von Schulen und der Frage, wie schwierige Ausgangsbedingungen ausgeglichen werden können. Sie entwickeln und beschreiben das Konzept eines schulbezogenen Sozialindex‘, der eben genau dieses Ziel hat: Ungleiches ungleich behandeln.

Hier ist eine kurze Zusammenfassung der Studie. Unten verweist ein Link auf das gesamte Werk.

Bildungsgerechtigkeit

In der aktuellen öffentlichen Diskussion in Deutschland ist Ungleichheit wieder ein wichtiges Thema. Im Bildungsbereich spielt dabei die Chancengleichheit eine besondere Rolle, also die Frage, inwieweit Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen die gleichen Chancen haben im Bildungssystem gut abzuschneiden wie Kinder aus besse­ren Verhältnissen.

In einer repräsentativen Meinungs­umfrage des IFO-Instituts zu wichtigen bildungspolitischen Themen vom September 2016 wurde die erwachsene Bevölkerung in Deutschland u.a. befragt, ob die Un­gleichheit von Chancen für Kinder aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen im deutschen Bildungssystem ihrer Meinung nach ein ernsthaftes Problem ist. Dabei bestätigt sich die Relevanz des Themas: 57% sehen die Ungleichheit der Chancen als ein ernsthaftes oder sehr ernsthaftes Pro­blem an, lediglich 3% sehen hierin gar kein Problem. Bei den LehrerInnen halten sogar 70% die Ungleichheit für ein ernsthaftes oder sehr ernsthaftes Pro­blem. Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung (77%) unterstützt den Vorschlag, dass der Staat deutlich mehr fi­nanzielle Mittel für Schulen mit vielen SchülerInnen aus be­nachteiligten Verhältnissen zur Verfügung stellen soll.

Regionale und Sozialschicht abhängige Disparitäten

Regionale und Sozialschicht abhängige Disparitäten im Bildungswesen fanden lange in Deutschland kaum Beachtung. Erst mit den Befunden der internationalen Vergleichsstudien – PISA, TIMSS u.a. –  rückte die verfehlte Chancengleichheit im deutschen Schulsystem verstärkt in den Blick. Es wurde in den Befunden deutlich, dass sozialstrukturelle und sozialräumliche Bedingungen und das leistungs- und sozial selektive gegliederte Schulsystem einen maßgeblichen Einfluss auf Bildungsteilhabe und Bildungschancen haben.

Zahlreiche wissenschaftliche Befunde belegen, dass offensichtlich nicht nur individuelle Merkmale einer Schülerin oder eines Schülers, wie Leistungspotenzial und soziale Herkunft, für den Bildungserfolg entscheidend sind, sondern auch der Besuch einer Schule in einem bestimmten sozialen Umfeld und in Folge die soziale und leistungsmäßige Zusammensetzung der Schülerschaft. Vor dem Hintergrund von Chancengleichheit werden Schülerinnen und Schüler aus schwierigen sozialen Verhältnissen doppelt benachteiligt, zum einen durch ihre soziale Herkunft und zum anderen durch die Lernumgebung der besuchten Schule.

Ursachen für die Entstehung sozial segregierter Schulen

Neben dem sozialen Umfeld der Schulen hat das selektive gegliederte Schulsystem einen erheblichen Anteil an den Segregationsprozessen.

Die Aufteilung der Schülerinnen und Schüler im Alter von ca. 10 Jahren auf unterschiedliche Schulformen scheint nach den Erkenntnissen der Bildungsforschung geradezu paradoxe Wirkungen zu erzeugen. Im Widerspruch zu der Zielsetzung einer optimalen Förderung entsprechend der unterschiedlichen Leistungsfähigkeit erschwert bzw. verhindert der Verteilungsprozess auf verschiedene Schulformen eine optimale Förderung, zumindest eines Teils der Schülerschaft.

Freie Grundschulwahl verstärkt im Grundschulbereich die soziale Segregation über die Einflüsse der Sozialstruktur der Schulumgebung hinaus, weil hierdurch Vermeidungsstrategien in der Schulwahl von bildungsnäheren Elternhäusern ermöglicht werden.

Wirkungsmechanismen der Schulkomposition

Es ist zwar unstrittig, dass Effekte von Schulkontexten substantiell zu Bildungsungleichheiten führen. Die Frage, über welche Mechanismen Kontexte Einfluss auf den Lernerfolg und Bildungschancen haben, ist aber keineswegs durch die empirische Wissenschaft eindeutig oder abschließend beantwortet. Wenn auch empirische Befunde bezüglich der Wirkungsmechanismen von schulischen Kontextbedingungen rar sind, so gibt es eine Reihe von elaborierten soziologischen Erklärungstheorien:

Zusammengefasst sind es zwei Bereiche sozialer Gemeinschaften, die einen eigenständigen Einfluss auf das individuelle Handeln ausüben können: zum einen vorherrschende Normen und Werte und zum anderen bestehende Netzwerke und soziale Beziehungen.

Auf die Schule übertragen bedeutet dies, dass Schülerinnen und Schüler aus sozial segregierten Quartieren ihre spezifischen habituellen Wahrnehmungs-, Denk-, Sprach- und Handlungsmuster mitbringen, die sich bei Häufung von Schülerinnen und Schülern mit gleichem sozialen Umfeld in der Schule verfestigen oder sogar verstärken.

Durch die soziale Segregation entstehen besondere Herausforderungen der täglichen schulischen Arbeit und damit einhergehend erschwerte Arbeitsbedingungen in Schulen mit schwierigen sozialen Ausgangslagen. Dies hat zur Folge, dass diese belasteten – real oder empfunden – Schulen ohne Unterstützung von „außen“ kaum in der Lage sein dürften, eine wirkungsvolle Strategie zu entwickeln, wie ein erfolgreiches Lehren und Lernen trotz der schwierigen Ausgangslage gelingen könnte.

Lösungsoptionen

Die Debatte über Maßnahmen zur Lösung der Probleme von Schulen mit schwierigen sozialen Bedingungen lässt sich zugespitzt von zwei unterschiedlichen Positionen aus führen. Zum einen wird die Gerechtigkeitsfrage bezüglich offensichtlicher Chancenungleichheiten gestellt, verbunden mit der Frage nach erschwerenden bzw. verhinderten Einflüssen von Schulkontexten auf die Lernprozesse und –erfolge und entsprechender Strategien der Gegensteuerung. Zum anderen geht es um die Frage nach der Effektivität von Schulen in prekären Lagen – z.B. in Untersuchungen der Schuleffektivitätsforschung von erfolgreich arbeitenden Schulen trotz schwieriger Kontexte.

Aus Sicht der Chancengleichheit stehen für die Lösung des Problems „positiv diskriminierende“ Maßnahmen im Vordergrund, die ungleiche Voraussetzungen der Schulen durch ungleiche Unterstützungen und zusätzliche Ressourcenzuweisungen ausgleichen: Ungleiches ungleich behandeln. Aus Sicht der Schuleffektivität werden eher Verbesserungen der Schulmanagementqualität und Steigerung der Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität als Lösung des Problems angesehen. Es ist offensichtlich, dass die beiden Positionen nicht gegen einander ausgespielt werden können, sondern nur im Zusammenspiel Lösungspotenzial haben. So können Maßnahmen der Effektivitätssteigerung nicht umgesetzt werden, wenn die Schulen in schwierigen sozialen Lagen dafür nicht über die notwendigen personellen, strukturellen und sächlichen Voraussetzungen verfügen. Ein Ausklammern dieser notwendigen Voraussetzungen würde zugespitzt bedeuten, dass Schulen mit schwierigem Lernumfeld die alleinige Verantwortung für schlechte Lernergebnisse zugeordnet würde. Umgekehrt nutzen zusätzliche Ressourcen aber wenig, wenn die Lernausgangslage, Entwicklungsziele und Wirkungen des Einsatzes der zusätzlichen Ressourcen ignoriert werden.

Ziel der Studie

Vor dem Hintergrund dieser Ausgangslage der Schulen mit schwierigen sozialen Bedingungen haben Prof. Dr. Gabriele Bellenberg und Gerd Möller im Auftrag der GEW NRW eine Studie verfasst, die auf der Basis von einschlägigen wissenschaftlichen Befunden und empirischen Daten Möglichkeiten aufzeigt, wie schlechten Schülerleistungen in bestimmten Stadtteilen gegengesteuert werden kann. Hierbei werden Fragen effektiverer Steuerungen, z.B. durch einen schulbezogenen Sozialindex nach transparenten Kriterien, einbezogen und Vorschläge entwickelt werden, wie Schulen mit schwierigem Lernumfeld durch bessere Ressourcenausstattung in die Lage versetzt werden können, ihre ungleichen Lernvoraussetzungen zu kompensieren: Ungleiches ungleich behandeln. Über die Ressourcenfrage hinaus wird geprüft, wie weitere systemische Unterstützung für die Schulen geleistet werden kann und welche Maßnahmen die Schulen selber auf der Basis ihrer spezifischen Ausgangslage ergreifen können. 

Die Studie kann hier heruntergeladen werden.

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