Faktencheck #10: Soziale Kluft

Es gibt eine soziale Kluft in unserem Land. Und in den Schulen?

Dass es Arme und Reiche in einem Land gibt, ist wohl unvermeidlich. Aber damit beginnen bereits die Fragen:

Wollen wir das irgendwie ändern oder ist es als quasi-naturgesetzlich schlicht hinzunehmen? Da kann man lange rumphilosophieren. Und die Schulen? Die Schulen des Landes könnten die sozio-ökonomischen Unterschiede prinzipiell a) reflektieren, b) ausgleichen/abmildern oder c) vertiefen.

Für Sozialutopisten und Gutmenschen (wie mich) kommt nur Antwort b) in Frage. Das gibt unsereinem jede Menge zu tun. Leider weisen die Indizien eher in die andere Richtung. Sehen wir uns dazu eine aktuelle Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (wzb) an (jetzt kommt ein langes Zitat):

Die soziale Kluft an Berliner Schulen bleibt groß

Dr. Harald Wilkoszewski Informations- und Kommunikationsreferat
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH

WZB-Studie: Kaum Veränderung bei sozialer Zusammensetzung der Schülerschaft

Berliner Schulen bleiben trotz weitreichender Reformen sozial gespalten. Das zeigt eine neue Studie von WZB-Forscher Marcel Helbig und Rita Nikolai (Humboldt-Universität) zur Entwicklung der sozialen Zusammensetzung der Schülerschaft. Die Bildungsforscher haben untersucht, wie sich seit 2010 der Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Lernmittelbefreiung – ein Indikator für Einkommensarmut der Eltern – an den verschiedenen Schulformen verändert hat. Ihr Fazit: Das Einkommen der Eltern entscheidet immer noch darüber, an welchem Sekundarschultyp ein Kind lernt. So besuchen Schülerinnen und Schüler aus höheren sozialen Schichten eher ein Gymnasium. Kinder aus einkommensschwachen Elternhäusern verbleiben dagegen mehrheitlich an den Integrierten Sekundarschulen.

Die Berliner Schulstrukturreform von 2010/11 sollte die Abhängigkeit des Schulbesuchs von der sozialen Herkunft der Kinder verringern. Dafür wurden Haupt-, Real- und Gesamtschulen abgeschafft und zu Integrierten Sekundarschulen (ISS) zusammengelegt. Dieses Ziel wurde nach Erkenntnissen der beiden Bildungsforscher verfehlt. So lag der Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Lernmittelbefreiung an den Gymnasien im Schuljahr 2015/16 lediglich bei 17 Prozent, an allen integrierten Schulformen dagegen bei rund 42 Prozent. Ein soziales Gefälle besteht außerdem zwischen öffentlichen und privaten Schulen…

An den Integrierten Sekundarschulen entscheidet das Vorhandensein einer eigenen gymnasialen Oberstufe über den Anteil einkommensschwacher Schülerinnen und Schüler. So lernen an Schulen mit eigener gymnasialer Oberstufe deutlich weniger Kinder mit Lernmittelbefreiung. Ihr Anteil lag dort im Schuljahr 2015/16 bei 33 Prozent, an Schulen ohne eigene gymnasiale Oberstufe dagegen bei 52 Prozent. Integrierte Sekundarschulen, die mindestens aus einer Hauptschule hervorgegangen sind, kamen auf einen Wert von 57 Prozent…

Soziale Spaltung schon in der Grundschule

Überraschend ist der Befund, dass schon an den Grundschulen sozial besser- und schlechtergestellte Kinder weitgehend unter sich bleiben. Die soziale Spaltung bewegt sich hier auf einem ähnlich hohen Niveau wie an den Sekundarschulen. Für die Studie haben die Forscher den sogenannten Segregationsindex berechnet. Dieser zeigt das Ausmaß der sozialen Spaltung. Für die Drittklässler in Berlin liegt er seit knapp einem Jahrzehnt fast unverändert bei 50. Konkret heißt das: Jeder zweite Drittklässler mit Lernmittelbefreiung müsste eine andere Grundschule besuchen, um diese Schüler auf alle Grundschulen der Stadt gleich zu verteilen. Diesen Befund führen die Forscher vor allem auf die Sozialstruktur der Stadt zurück…

Die Studie ist als WZB Discussion Paper erschienen.
Marcel Helbig, Rita Nikolai: Alter Wolf im neuen Schafspelz? Die Persistenz sozialer Ungleichheiten im Berliner Schulsystem, WZB Discussion Paper P 2017-001, 36 Seiten.

Marcel Helbig ist Professor für Bildung und soziale Ungleichheit am WZB und an der Universität Erfurt.

Rita Nikolai ist Heisenberg Stipendiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft am Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.

Hier ist der Ort, ein paar Bildungssoziologen zu Wort kommen zu lassen

Schule perpetuiert und Legitimiert die soziale Ungleichheit

Indem die Schule den Individuen nur deren Position in der sozialen Hierarchie genau entsprechende Erwartungen an die Schule zugesteht und unter ihnen eine Auswahl trifft, die unter dem Anschein der sozialen Gleichheit die exisierenden Unterschiede sanktioniert und konsekriert, trägt sie ineins zur Perpetuierung wie zur Legitimierung der Ungleichheit bei. (Bourdieu et al. 2006, S. 45)

Bildungssystem reproduziert Sozialsystem

„Das Bildungssystem schafft in hohem Maße die Grundlage für die Reproduktion der vorgegebenen sozialen Positionsverteilung in der Gesellschaft – die schon vor Schulbeginn zugeteilten Karten werden dort nur mehr wenig neu gemischt. Schule, sowie Aus- und Weiterbildung zementieren die soziale Herkunft im Wesentlichen nur mehr ein: Sowohl wer aus dem »oberen« sozialen Stockwerk kommt, als auch wer im sozialen Souterain geboren wird, wird – vom Bildungssystem legitimiert – dort mit hoher Wahrscheinlichkeit auch bleiben!“ (Ribolits 2009b: 69) (Wall und Hudelmaier 2012, S. 125)

Grundargument: Klassenunterschiede werden in der Schule reproduziert

The basic argument will be that whether we are considering the opposition between conservative and progressive or the opposition between market and knowledge-oriented pedagogic practice, present class inequalities are likely to be reproduced. (Bernstein 2003, S. 196)

Schulwesen übersetzt gesellschaftliche in Bildungsungleichheit

In einer Hinsicht nämlich ist das wegen schlechter Lernergebnisse kritisierte deutsche Schulwesen ziemlich erfolgreich: Es gelingt ihm nahezu perfekt, gesellschaftliche Ungleichheit in Bildungsungleichheit zu übersetzen und die Vererbung sozialer Privilegien zu legitimieren, indem Schulerfolg als Resultat individueller Leistung und Begabung erscheint. (Böttcher 2006, S. 3581)

Wirkungsvolle Reproduktion

Die soziale Reproduktion durch das Aussortieren bildungsferner Schichten erfolgt wirkungsvoll, wie die Statistik belegt. Gleichwohl erfolgt die Auslese »sanft«, insofern es – von Ausnahmesituationen abgesehen – offensichtlich als selbstverständlich gilt, dass Schüler an Schulen scheitern und dass dieses Scheitern sozial und ökonomisch benachteiligte junge Menschen in besonderem Ausmaß trifft. Die Erfolgreichen und die Gescheiterten gleichermaßen glauben an natürliche Fähigkeiten und individuelle Leistung: Die Ausgeschlossenen glauben an die Legitimität des Ausschlusses, denn sie haben es halt nicht »gepackt«, den Privilegierten hilft das Bildungssystem, nicht als Privilegierte zu erscheinen, sondern als solche, die sich den Erfolg selbst verdient haben. (Böttcher 2006, S. 3582)

Literaturverzeichnis:

Bernstein, B. (2003). The Structuring of Pedagogic Discourse. Social Class and Pedagogic Practice (Class, Codes and Control, IV, 4 Bände). London: Routledge.
Böttcher, W. (2006). Soziale Auslese und Bildungsreform: Campus Verl. http://​www.ssoar.info​/​ssoar/​bitstream/​document/​17331/​1/​ssoar-2006-bottcher-soziale_​auslese_​und_​bildungsreform.pdf.
Bourdieu, P., Bolder, A. & Steinrücke, M. (2006). Wie die Kultur zum Bauern kommt (Schriften zu Politik & Kultur, ; 4, Unveränderter Nachdruck). Hamburg: VSA-Verlag.
Bremer, H. (2006) Die Möglichkeit von Chancengleichheit : Pierre Bourdieus Entzauberung der Natürlichkeit von Bildung und Erziehung - und deren ungebrochene Aktualität. In K.-S. Rehberg (Hrsg.), Die Natur der Gesellschaft: Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Teilbd. 1 u. 2 (S. 1528–1539). Kassel.
Vester, M. (2009, Januar). Sortierung nach Herkunft. Harte und weiche Mechanismen sozialer Selektion im deutschen Bildungssystem. Discussion papers / Zentrum für Ökonomische und Soziologische Studien, Hamburg.
Wall, A. & Hudelmaier, J. (2012, 14. Januar). (Hoch-) Schule als Replikantenfabrik? Herrschaftsinstrument(e) zur Produktion und Legitimation der gesellschaftlichen Ordnung. Magisterarbeit, Universität Tübingen.

wzb-Meldung:

https://idw-online.de/de/news674942

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