Faktencheck #8: Hausaufgaben

Hallo Mayas Lehrer,

Maya wird dieses Jahr ihre Hausaufgaben stark reduzieren. Sie ist sehr gestresst und entwickelt körperliche Symptome, wie zum Beispiel Schmerzen in der Brust und Schlaflosigkeit – um 4 Uhr früh macht sie sich Gedanken über ihre Schularbeiten.

Sie ist mit dem Lernen nicht hinterher und hat sehr viel Freude an der Schule. Wir haben uns mit einem Nachhilfelehrer besprochen, und ein Therapeut hat vorgeschlagen, dass wir ihre Arbeit erleichtern. Zwei bis drei Stunden Hausaufgaben, wenn sie um 16:30 Uhr nach Hause kommt, lässt ihr wenig Zeit, einfach nur Kind zu sein und die Zeit mit der Familie zu genießen, und wir würden es gern vermeiden, dass sie darüber in eine Depression versinkt. 

Danke für Ihr Verständnis

Herzliche Grüße, Bunmi

(meine Übersetzung, P.S.)

Dieser Facebook-Post wurde auf Huffingtonpost übernommen und erhielt zwei deutlich ablehnende Reaktionen:

 Carlos Hilfinger: Sollen sie mal dem Kind für eine best. Zeit FS,Computer und andere diverse Teile wegnehmen und das Problem des Lernens wird gelöst sein.Alles wird immer auf den Schulstress geschoben.Dabei sind oft unfähige Eltern das Problem.

Gert Flessing: Ja, lasst uns keine Pflichten mehr haben, alles ist ein Spiel. Dummheit an die Macht!

Damit ist die Frage gestellt: Welchen Sinn haben Hausaufgaben? Schaden sie vielleicht mehr als sie nützen? Sind das nur ihre Kinder verzärtelnde Weicheier, die damit Probleme haben? Der Vorwurf der „Kuschelpädagogik“ steht im Raum.

Was sagt die Hattiestudie?

HattieAus der umfangreichen wissenschaftlichen Literatur zu den Hausaufgaben möchte ich nur mal eine herausgreifen: die Hattiestudie, und zwar deshalb, weil sie seit ihrer Veröffentlichung 2009 sehr viel Interesse geweckt und Diskussionen ausgelöst hat.

Das Foto zeigt John C. Hattie,  Professor für Erziehungswissenschaften und Direktor des Melbourne Education Research Institute an der University of Melbourne (Australien). Zuvor war er Professor für Erziehungswissenschaften an der University of Auckland.

Hattie hat gefragt: Welche Methoden oder Maßnahmen haben welche Wirkungen auf das Lernen unserer Kinder? Dazu hat er mit seinem Team vorhandene Studien gesichtet, ausgewertet und zusammengefasst. Zum Thema Hausaufgaben verarbeitete er fünf Metastudien, die ihrerseits die Ergebnisse von insgesamt 161 Einzelstudien zu den Hausaufgaben darstellten. Insgesamt waren dazu 105 282 Schülerinnen und Schüler untersucht worden. Die Datengrundlage ist also solide. Übrigens befand sich auch eine deutsche Studie darunter (siehe Quellen).

Hier nun das Ergebnis im so genannten „Hattie-Barometer“ (S. 234ff):

Homework_Hattie

Was sagt uns das? Die Effektstärke von Hausaufgaben liegt bei 0.29; das ist auf Hatties Skala normal bis gering – gute Methoden beginnen erst bei einer Effektstärke von 0.40. Damit hätten Hausaufgaben den 88. Rangplatz in einer Liste von 138 schulischen Maßnahmen.

Was bedeutet das im Einzelnen?

Zu sagen, etwas hätte die Effektstärke von 0.29, entspricht etwa der Aussage: Der Pizza bei Luigi würde ich die Note drei bis vier geben. Damit kennt man keine Einzelheiten, aber gerade die sind relevant. Bei der Pizza wäre es der Geschmack und die Festigkeit des Teiges, die Frische und Qualität der Zutaten, die Abgestimmtheit der Gewürze. Und bei den Hausaufgaben?

  • Hausaufgaben sind bei älteren Schülern (High School, entspricht etwa Sekundarstufe II) effektiver als bei jüngeren (Elementary, entspricht Grundschule). Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass ältere Schüler schon die so genannten study skills erworben haben, nicht mehr so abhängig von der Unterstützung der Eltern sind und zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden können.
  • Viele Eltern haben noch das Gefühl: Viele Hausaufgaben helfen viel. Das ist für ältere Schüler gerade verkehrt. Hier findet Hattie das Rezept: Shorter is better. 
  • Eltern sollten sich besser nicht in die Hausaufgaben einmischen, lautet ein Ergebnis. Es ist besser, wenn die Eltern ihre Kinder die Hausaufgaben möglichst selbstständig erledigen lassen.
  • Die Auswirkungen auf den Lernerfolg sind in Mathematik am positivsten, in den anderen wissenschaftlichen und den sozialen Fächern am geringsten.
  • Die Hausaufgaben sollten etwas Neues beinhalten, aber nicht zu komplex sein, und sollten von den Lehrern auch kontrolliert und rückgemeldet werden.
  • Hausaufgaben sind dann unwirksam oder sogar kontraproduktiv, wenn sie die Motivation der Schüler untergraben („Ich kann es ja eh nicht!“) oder es zulassen, dass falsche Routinen eingeschliffen werden.
  • Manchmal hätten kurze Übungseinheiten in der Schule mit Begleitung der Lehrkraft mehr Effekt als längere Einheiten zuhause.

Fazit

Die Mutter hat Recht, wenn sie eine Reduktion der workload anstrebt. Nur sollte sie das nicht eigenmächtig entscheiden. Es wäre gut, mit den Lehrern in Kontakt zu treten / bleiben und zu fragen, welcher Teil der Hausaufgaben absolut notwendig ist und welcher nicht. Wenn das mehrere Eltern tun, fragen sich die Lehrkräfte vielleicht, welche von den Hausaufgaben wirklich sinnvoll sind und welche man „nur der Übung halber“ noch draufgelegt hat.

Quellen:
https://www.facebook.com/BunmiKLaditan
http://www.huffingtonpost.de/2017/04/28/mutter-brief-keine-hausaufgaben_n_16306912.html?utm_hp_ref=lifestyle

Literatur:
Hattie, J. (2009). Visible learning. A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. London: Routledge.
Trautwein, U., Köller, O., Schmitz, B., & Baumert, J. (2002). Do homework assignments enhance achivement? A multilevel analysis in 7th-grade mathematics. Contemporary Educational Psychology, 27, 26-50.

 

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