Fail #9: „Durchlässigkeit“?!

Die Vertreter des gegliederten Schulwesens weisen permanent darauf hin, dass es ja schließlich vollkommen „durchlässig“ sei, so dass die Schüler immer die Möglichkeit hätten, auf den passenden Schultyp zu wechseln.

Diese Aussage krankt nicht nur an einem Denkfehler, sondern auch an Diarrhoe und leidet zudem an ihrer eigenen Halbheit.

Denkfehler

Würden Sie ein Auto kaufen, wenn das Modell offensichtliche Fehlfunktionen hat, aber vom Händler mit dem ermutigenden Hinweis versehen wird, dass man diese Fehler im Nachhinein ja jedes Jahr problemlos reparieren könne?

So ist das mit dem Übertritt in der 4. Klasse: Das Modell hat offensichtliche Fehler, die permanente Reparaturmaßnahmen nötig machen: Es beginnt schon im 5. Schuljahr mit der – in Bayern so genannten – „Gelenkklasse“  und erzwingt auch in den Folgejahren immer weitere Korrekturen. Ein Erfolgsmodell sieht anders aus!

Diarrhoe

Ja, ein eigenartiger Ausdruck in diesem Zusammenhang. Wenn die „kind- und begabungsgerechte Übertrittsphase“ (KM Bayern) mit der Gelenkklasse vorüber ist, dann ist das gegliederte Schulwesen nachweislich vorwiegend nach unten durchlässig. Es gibt wenige Aufstiege, denen eine Menge Durchfälle gegenüberstehen – eben „Diarrhoe“. Und es behaupte keiner, das wäre nicht ein schmerzhafter Prozess für die Betroffenen!

Halbheit

Durchlässigkeit ist ein richtiger Gedanke: Es ist wichtig, dass Schüler sich auf die für sie passenden Abschlüsse hin orientieren können – inhaltlich und vom Anspruch her. Der Zeitpunkt in der 4. Klasse ist – das sagt ein allgemeiner pädagogischer und entwicklungspsychologischer Konsens – zu früh um die weitere Entwicklung eines Kindes vorauszusehen. Neben der teilweise mangelnden Prognosekompetenz der Lehrkräfte und der nachgewiesenen sozialen Schlagseite führt eine Festschreibung auf eine Schulart auch weder zu homogenen Gruppen, noch ist sie im Hinblick auf die Entwicklungsmöglichkeiten eines Kindes ausreichend flexibel. Warum also nicht die ganze Sekundarstufe I als „Gelenkklasse“ konzipieren? Das ist ja genau das, was das längere gemeinsame Lernen bewirken kann und warum es gegenüber dem segregierenden Schulsystem im Vorteil ist.

Die meisten Bundesländer haben das erkannt und deswegen Formen des längeren gemeinsamen Lernens als Schulversuch oder als Schulart eingerichtet – und zwar erfolgreich. Eine Ausnahme bildet Bayern: Da wird noch jeder Antrag auf Ermöglichung eines Schulversuchs vehement abgeblockt.

Diagramm

Das folgende Diagramm aus dem Bayerischen Bildungsbericht 2015 zeigt, dass 8311 Schüler/innen vom Gymnasium auf die Realschule gewechselt haben; diesen steht eine verschwindend geringe Zahl von Aufsteigern RS -> Gym gegenüber.

Von der Realschule fielen 4631 Schüler/innen auf die Mittelschule zurück. Den umgekehrten Weg, also einen „Aufstieg“ beschritten 3175 Schüler/innen.

Dabei muss man allerdings beachten, dass der Zufluss zur Realschule aus der 5. Klasse Mittelschule viel stärker ist, als der aus der 4. Klasse Grundschule – das ist ein Beleg dafür, dass die Übertrittsempfehlung der 4. Klasse schleunigst revidiert wird:

„Die überwiegende Mehrheit der Wechsel an die Realschule erfolgte – wie schon vor Einführung der Mittelschule – aus der Jahrgangsstufe 5 (82,3 %). Dabei wiederholten 91,6 % der Schulartwechslerinnen und Schulartwechsler die Jahrgangsstufe 5 an der Realschule.“ (Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung 2015, S. 148)

Warum muss man dann unbedingt in der 4. Klasse trennen?

„Die auffällig hohe Aufsteigerquote in Klasse 5 ist sicherlich auch als Umgehung der restriktiven Übergangsregelungen von der Grundschule in die Sekundarstufe zu interpretieren.“ (Bellenberg 2012, S. 42)

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Fazit

Die beste Durchlässigkeit erreicht man in einer Schule des gemeinsamen Lernens. Dass diese genauso erfolgreich arbeiten wie gegliederte Schulsysteme, wurde inzwischen hinlänglich bewiesen.

Quelle: 
Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (Hrsg.). (2015). Bildungsbericht Bayern 2015 (Neuausgabe). Wolnzach: Kastner. Seite 148.
Bellenberg, G. (2012). Schulformwechsel in Deutschland. Durchlässigkeit und Selektion in den 16 Schulsystemen der Bundesländer innerhalb der Sekundarstufe I. Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung.

 

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