Sichtweisen #2: Macht Armut dumm?

Mit dieser Frage öffnet sich ein weites Feld, das man von verschiedenen Stellen aus beackern kann. Hier erst mal ein Beispiel für das Problem, das ich meine – ein Grundschullehrer schreibt:

Wir arbeiten an den sogenannten Brennpunktschulen am unteren Ende der sozialen Skala, und wir haben Lehrpläne und Vergleichstests. 

Unseren Schülern fehlen oft die elementarsten Fähigkeiten und Einstellungen. Denn materielle Armut geht oft auch mit kultureller Armut einher. In vielen Haushalten unserer Schüler steht nicht ein einziges Buch.

Viele Kinder bekommen zum ersten Mal in der Schule eine Geschichte vorgelesen. Wie sollen diese Kinder gelernt haben, ruhig zu sitzen, zuzuhören und einer Geschichte mit Spannung zu lauschen, wenn sie zwar sieben Geschwister aber dafür weder ein eigenes Zimmer und oft nicht mal ein eigenes Bett haben?

Die Hälfte unserer Arbeitszeit verbringen wir daher damit, die Kinder auf ihren Plätzen zu halten, Streit zu schlichten, Nasen zu putzen, Schuhe zu binden und ansonsten bürokratische Dinge zu erledigen. Wir sehen die Früchte unserer Arbeit nur selten.

Zum einen, weil es kaum Früchte gibt und die Wenigen, die es trotz all dieser Widerwärtigkeiten schaffen beispielsweise ein Abitur zu machen, sich oft nicht zurück melden. Denn wenn es gut läuft, liegt es bekanntlich an der guten Familie, den Genen oder am Opa. Läuft es aber schlecht in der Schule, so sind natürlich die Lehrer Schuld.

Quelle: http://www.huffingtonpost.de/olaf-schaefer/schule-erziehung-rassismus-lehrer-paedagogik_b_16094940.html?utm_hp_ref=germany

Armut macht dumm?

Es gibt – um es in der wissenschaftlichen Sprache auszudrücken – einen Zusammenhang zwischen Intelligenz und sozioökonomischem Status. Hier ein paar Ergebnisse aus Veröffentlichungen im Magazin Science, das einen seriösen Ruf hat:

Kinder aus reicheren Familien haben bessere Ergebnisse in IQ-Tests und besser ausgeprägte Hirnregionen, die beispielsweise für Sprache, Gedächtnis oder Konzentrationsfähigkeit zuständig sind.

Researchers have long known that children from families with higher socioeconomic status do better on a number of cognitive measures, including IQ scores, reading and language batteries, and tests of so-called executive function—the ability to focus attention on a task. More recently, some studies have found that key brain areas in children of higher socioeconomic status—such as those involved in memory or language—tend to be either larger in volume, more developed, or both. (Balter 2015, S. 1)

Der Bildungsstand der Eltern (gemessen an deren höchstem Schulabschluss) korreliert linear mit diesen einschlägigen Regionen der Großhirnrinde und macht etwa 3% mehr Fläche aus.

Parental education—the number of years that parents had gone to school— showed a linear correlation with overall cortical surface area, especially for regions of the brain involved in language, reading, and executive functions. As a rough approximation, the children of parents with only a high school education (12 years of education or less) had 3% less cortical surface area than children whose parents had attended universities (15 years or more), Noble and Sowell told Science. (Balter 2015, S. 2)

Untersuchungen zeigen einen Zusammenhang zwischen den Einkommensverhältnissen und der Großhirnrinde: 25 000 $ bewirken einen Unterschied von etwa 1 Prozent.

The team also found a significant correlation between cortical surface area and family income levels, which ranged from less than $5000 per year to more than $300,000. […] Noble and Sowell say, the difference between lower and higher incomes is dramatic: Children from families making $25,000 per year or less have cortical surface areas roughly 6% smaller than those making more than $150,000. (Balter 2015, S. 2)

Die Zusammenhänge lassen sich aufzeigen. Aber wie können sie gedeutet werden? Ist der Stress für arme Familien größer? Liegt es an mehr Umweltgiften oder schlechterer Ernährung oder geringerer intellektueller Anregung?

In their paper, the team cautions that despite these clear correlations between socioeconomic status and the size of the cerebral cortex, the reasons for the correlations are not yet clear. Low socioeconomic status could inhibit brain growth due to family stress, greater exposure to environmental toxins, or insufficient nutrition, while higher status families might be able to provide more “cognitive stimulation” to their children. (Balter 2015, S. 2)

Auf diese Fragen gibt ein anderer Science-Artikel Antwort. Die Forscher behaupten, vereinfacht ausgedrückt, dass Armut so viel „Raum“ im Denken einnimmt, dass die Intelligenz dadurch blockiert wird. Im Einzelnen hätten sie Folgendes herausgefunden (und ich bitte, das mit den Aussagen des Lehrers weiter oben zu vergleichen):

Nachdenken über die finanzielle Situation kostet bei Angehörigen ärmerer Schichten kognitive Kapazität, die an anderen Stellen dann fehlt.

First, we experimentally induced thoughts about finances and found that this reduces cognitive performance among poor but not in well-off participants. […] it appears that poverty itself reduces cognitive capacity. We suggest that this is because poverty-related concerns consume mental resources, leaving less for other tasks. (Mani et al. 2013, S. 976)

Arm sein, heißt in seiner Intelligenz beeinträchtigt sein. Das ist keine Folge angeborener Eigenschaften, sondern der sozialen Situation.

The data reported here suggest a different perspective on poverty: Being poor means coping not just with a shortfall of money, but also with a concurrent shortfall of cognitive resources. The poor, in this view, are less capable not because of inherent traits, but because the very context of poverty imposes load and impedes cognitive capacity. (Mani et al. 2013, S. 980)

Der Armutseffekt beträgt etwa 13 IQ-Punkte.

By way of calibration, according to a common approximation used by intelligence researchers, with a mean of 100 and a standard deviation of 15 the effects we observed correspond to ~13 IQ points. These sizable magnitudes suggest the cognitive impact of poverty could have large real consequences. (Mani et al. 2013, S. 980)

Fazit: Armut macht dumm.

Wenn diese Zusammenhänge richtig dargestellt sind, dann muss die Antwort tatsächlich so gegeben werden.
Dabei ist wichtig zu unterscheiden, dass es sich nicht um angeborene Dummheit handelt, sondern um sozioökonomisch geprägte. Es ist keine Frage der Begabung, sondern der sozialen Situation.

Das weitere Feld

Ich sagte ganz oben bereits, dass wir damit ein großes Feld betreten, das von verschiedenen Seiten aus beackert werden muss. Hier einige Stichpunkte und Fragen:

  • Wie nehmen die Grundschullehrkräfte eine sozial verursachte Beeinträchtigung der Intelligenz wahr? Sehen sie da einen Begabungsunterschied, der ihre Bildungsgangempfehlung beeinflusst?
  • Haben Lehrkräfte auf der Sekundarstufe I die Kategorien von Hauptschülern, Realschülern und Gymnasiasten so sehr verinnerlicht, dass sie die ihnen anvertrauten Zöglinge von vorneherein und oft unbewusst in diese (Begabungs-) Schubladen sortieren und auf diese Weise das dreigliedrige System legitimiert sehen?
  • Wir sahen ja bereits in diesem Blog, dass Lehrkräfte nicht immer objektiv urteilen, weil sie diagnostisch nicht immer auf der Höhe sind, sich der bedeutsamen Altersunterschiede von Viertklässlern oft nicht bewusst sind, bzw. diese nicht ausgleichen können, einer Illusion von Homogenität folgen oder dass sie sich der Chancenungleichheiten im Bildungssystem wohl bewusst sind, diese allerdings auch mit produzieren helfen.
  • Werden schulische (Fehl-)Leistungen oft fälschlich einer vorhandenen oder fehlenden Begabung zugeschrieben, die eigentlich aus der sozialen Situation resultiert? Dazu muss unbedingt der Bildungssoziologe Pierre Bourdieu gehört werden!
  • Von ihm stammt beispielsweise die Begrifflichkeit und Kategorie des „kulturellen Kapitals“, welches über den Bildungs(miss)erfolg entscheidet. Dagegen setzt er die „rationale Pädagogik“.

Wie gesagt, ein weites Feld.

Quellen:
Balter, Michael (2015): Poverty may affect the growth of children’s brains. Online verfügbar unter http://www.sciencemag.org/news/2015/03/poverty-may-affect-growth-children-s-brains, zuletzt geprüft am 20.04.2017.
Mani, Anandi; Mullainathan, Sendhil; Shafir, Eldar; Zhao, Jiaying (2013): Poverty impedes cognitive function. In: Science (New York, N.Y.) 341 (6149), S. 976–980. DOI: 10.1126/science.1238041.

 

 

 

 

 

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