Faktencheck #6: Segregation in der Bildung

Ist es wirklich so schlimm?

Muss man den Begriff „Segregation“ verwenden? Reicht es nicht, von „Bildungsungleichheiten“ zu sprechen oder von „Chancenungleichheiten“? Ist es überhaupt bewiesen, dass es im deutschen Bildungssystem nicht gerecht zugeht? Wird hier nicht einer Ideologie das Wort geredet?!

Berechtigte Fragen. Mir scheint das Urteil der einschlägigen Experten aber genau zu diesem Ergebnis zu kommen. Das soll durch einige Zitate untermauert werden.

Die Kultusministerkonferenz und das Bundesministerium für Bildung und Forschung bestätigen das Vorhandensein von Ungleichheiten.

Auch der durch Kultusministerkonferenz und Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Bildungsbericht von 2016 bezeichnet soziale Disparitäten als „bekanntes, anhaltendes Strukturproblem“ im deutschen Bildungssystem. Der Bildungsbericht beschreibt diesen Befund als seit längerer Zeit unbestritten, hinreichend belegt und als eine der dringlichsten Herausforderungen: Es sei Deutschland trotz Fortschritten noch nicht gelungen, den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg nachhaltig aufzubrechen. Überproportional häufig besuchen Schüler_innen die Hauptschule, deren Eltern in einfachen Tätigkeiten beschäftigt oder gar nicht erwerbstätig sind. Im bundesweiten Durchschnitt hatte 2009 ein Kind mit mindestens einem Elternteil aus der oberen Dienstklasse eine 4,5-mal höhere Chance ein Gymnasium zu besuchen als ein Kind mit gleicher Lesekompetenz in Deutsch, dessen Eltern als (qualifizierte) Arbeiter_innen tätig waren.197 (Niendorf und Reitz 2016, S. 35; Hervorhebung von P.S.)

Niendorf, M. & Reitz, S. (2016, 29. September). Das Menschenrecht auf Bildung im deutschen Schulsystem. Was zum Abbau von Diskriminierung notwendig ist (Deutsches Institut für Menschenrechte, Hrsg.), Berlin.

Ehe ich noch weitere Zitate von Wissenschaftlern anführe, hier noch ein kurzer Blick auf die Wahrnehmung von Eltern. Sie sehen die Ungleichheiten als großes Problem:

Wößmann_Ungleichheiten_Eltern

Die Lehrkräfte sehen darin ein noch größeres Problem als die Eltern

Die Lehrkräfte sehen die Ungleichheit von Chancen für Kinder aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen im deutschen Bildungssystem in noch stärkerem Maße als Problem an als die Gesamtbevölkerung: 70% der LehrerInnen halten die Ungleichheit für ein ernsthaftes oder sehr ernsthaftes Problem, mit Information über das Ausmaß der Leistungsungleichheit sind es sogar 74%. (Ludger Wößmann et al., S. 32)

Ludger Wößmann, Philipp Lergetporer & Franziska Kugler und Katharina Werner. Denken Lehrkräfte anders über die Bildungspolitik als die Gesamtbevölkerung? - Ergebnisse des ifo Bildungsbarometers 2016, 19–34.
Wir Deutschen sind Spitze in sozialer Auslese!

Dem „empirischen Blick“ auf den Erfolg und das Scheitern von 15- oder 16-jährigen Schülerinnen und Schülern in den deutschen Schulen, den die PISA-Ergebnisse ermöglichten, ist zu entnehmen, dass das deutsche Schulsystem unrühmlicherweise in der sozialen Auslese auf einer der vordersten Plätze im internationalen Ländervergleich rangiert (vgl. hierzu auch Baumert u. a. 2001; Prenzel u. a. 2004).
Nun ist es allerdings nicht so, dass Deutschland – wie der internationale Vergleich zeigt – als einziges Land „soziale und ökonomische Ungewogenheiten und soziale Ungleichheit aufweist. Diese Phänome durchziehen alle Staaten und sie bewirken gemeinsame Konsequenzen“ (Muñoz 2007, S. 84). Allerdings ist ebenso nicht zu leugnen, dass die diesbezüglichen Disparitäten in Deutschland besonders groß sind und diese auf strukturelle Eigenschaften des schulischen Bildungssystems zurückzuführen sind, „die diese Ungleichheiten eher verstetigen als sie zu minimieren“ (ebenda). Als eine in diesem Zusammenhang strukturbedingte Besonderheit ist die sehr frühe Einstufung von Kindern nach dem Besuch der Grundschule auf die unterschiedlichen Schulformen im weiterführenden Sekundarbereich zu verstehen. Dabei handelt es sich um einen selektiven Eingriff in die Schullaufbahn von zehnjährigen Kindern, der in dieser Form und mit diesen Konsequenzen, nämlich einer nur noch schwer korrigierbaren Vorfestlegung in deren gesamten Bildungsverlauf, vergleichbar in einem anderen Land kaum zu finden ist (vgl. ebenda). (Jürgens und Miller 2013, S. 11–12; Hervorhebung von mir, P.S.)

Wir sind Weltmeister!
… in der Produktion von Schulscheitern

Die Privilegien werden u. a. auch durch unser gegliedertes Schul- und Bildungssystem gesichert, hier nimmt Deutschland nun die zweite Spitzenposition ein. Laut Tillmann (2008) ist das deutsche Schulsystem Weltmeister in der sozialen Auslese und Spitzenreiter in der Produktion von Schulscheitern. Sowohl die gesellschaftlichen Verhältnisse als auch unser Bildungssystem produzieren also Gewinner und Verlierer. Das besondere Problem dabei besteht darin, dass die Chance, zu der einen oder zu der anderen Gruppe zu gehören, in besonders starkem Maße von der sozialen Herkunft abhängig ist und eine abnehmende Mobilität am unteren und oberen Rand der Gesellschaft gegeben ist. Mit anderen Worten: An dem unteren Pol gibt es eine äußerst geringe Chance des Aufstiegs und am oberen Pol eine geringe Chance des sozialen Abstiegs. Erschwerend kommt die Abnahme der Bedeutung von Leistung beim Erwerb von Bildungstiteln hinzu (vgl. Neckel in diesem Band). (Jürgens und Miller 2013, S. 8; Hervorhebung von mir, P.S.)

Jürgens, E. & Miller, S. (2013). Ungleichheit in Gesellschaft und Schule. Eine Einleitung in die Problematik von Exklusionsund Inklusionsprozessen. In E. Jürgens & S. Miller (Hrsg.), Ungleichheit in der Gesellschaft und Ungleichheit in der Schule. Eine interdisziplinäre Sicht auf Inklusions- und Exklusionsprozesse (S. 7–32). Weinheim u.a.: Beltz Juventa.

Prof. Dr. Eiko Jürgens arbeitet an der Fakultät für Erziehungswissenschaft / AG 5 – Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik der Uni Bielefeld.

Prof. Dr. Susanne Miller ist an der Fakultät für Erziehungswissenschaft / AG 3 – Schultheorie mit dem Schwerpunkt Grund- und Förderschulen, Uni Bielefeld.

Nur der Vollständigkeit halber und damit auch weitere Stimmen zu Wort kommen, zum Beispiel unser ehemaliger Bundespräsident, der von Ditton zitiert wird:

Bundespräsident Köhler zur Chancengerechtigkeit

„Bildung ist die wichtigste Voraussetzung für Chancengerechtigkeit und sozialen Aufstieg. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der niemand ausgeschlossen wird; eine Gesellschaft mit vielen Treppen und offenen Türen.… Und deshalb dürfen wir uns nicht damit abfinden, dass die Zugangschancen zu guter Bildung in unserem Land ungleich verteilt sind und dass die schulische Entwicklung eines Kindes immer noch maßgeblich –und in jüngster Zeit sogar mit steigender Tendenz –von seiner Herkunft und dem Geldbeutel der Eltern bestimmt wird. Von allen Ungleichheiten in unserem Land ist das vielleicht sogar die ungerechteste. Sie ist beschämend für Deutschland“ (Horst Köhler 2008). (Ditton 2010, S. 53)

Aktuelle Studien belegen Zusammenhänge zwischen sozialer Herkunft und Schulleistungen

Aktuelle Studien belegen, dass immer noch Zusammenhänge zwischen der sozialen Herkunft und den Schulleistungen von Kindern bestehen. So gibt es Hinweise darauf, dass der kulturelle, ökonomische und soziale familiäre Hintergrund Einfluss auf Schülerleistungen, Schulnoten sowie Eignungsgutachten haben kann. Neben diesen sogenannten primären Effekten kann sich die soziale Herkunft auch indirekt auf die Bildungschancen eines Kindes auswirken. Man spricht dann von den sekundären Effekten, beispielsweise wenn sie, unabhängig von den erbrachten Leistungen des Heranwachsenden, auf Schullaufbahnentscheidungen Einfluss nehmen. (Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung 2016, S. 44)

Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung. (2016). Oberste Bildungsziele in Bayern. Art. 131 der Bayerischen Verfassung – Wertefundament des LehrplanPLUS.

Es folgen nun einige Zitate von Prof. Dr. Hartmut Ditton, Lehrstuhlinhaber für allgemeine Pädagogik, Erziehungs- und Sozialisationsforschung an der LMU München:

Bedeutsames Maß an Ungleichheit

Im Gesamtüberblick besteht bezüglich der Verteilung auf Bildungswege und in prestigeträchtige Positionen hinein in Deutschland ein bedeutsames Maß an Ungleichheit. (Ditton 2010, S. 59)

Bildung wird vererbt

Trotz des bestehenden Anspruchs auf offenen Zugang zu Bildung (und damit in soziale Positionen hinein) ist es ein empirisches Faktum, dass Bildung (ähnlich wie Reichtum) zu einem großen Teil vererbt wird. Wer viel Bildung hat, gibt viel Bildung an seine Kinder weiter.Bei dieser Vererbung sind die Übergänge im Bildungswesen nachweislich von besonderer Bedeutung.An allen Schnittstellen lässt sich zeigen, dass Kinder und Jugendliche aus den oberen sozialen Gruppen regelmäßig die höheren Leistungen nachweisen können und von daher im Vorteil sind. Hinzu kommt, dass die statushöheren Gruppen selbst bei gleichen Leistungen die anspruchsvolleren Wege wählen als die unteren sozialen Gruppen. (Ditton 2010, S. 59)

Individuelle Förderung gelingt nicht

Das deutsche System, das auf dem Anspruch gründet, jeden individuell nach seinen Möglichkeiten zu fördern, erreicht das offenbar nicht im erwarteten und erwünschten Maß. Eine ganz besondere Herausforderung im schulischen Bereich stellt dabei die Kumulation von Problemlagen an spezifischen Schulformen im Bereich der Sekundarstufe (bes. Hauptschulen, aber auch Gesamt- und Realschulen) dar (Baumert/Stanat/Watermann 2006). (Ditton 2010, S. 58)

Sozialspezifische Abstiegsrisiken

Analysen […] für die beiden ersten Jahrgänge der Sekundarstufe I ergeben diesbezüglich, dass Kinder aus Familien mit niedrigem Bildungsstatus zu sehr viel höheren Anteilen bereits wieder aus dem Gymnasium abgestiegen sind (27%) als Kinder aus Familien mit hohem Bildungsstatus (3%). Die sozialspezifisch unterschiedlichen Abstiegsrisiken aus dem Gymnasium stehen in Beziehung zu den Möglichkeiten der Eltern, dem Kind beim Lernen für die Schule zu helfen (Ditton, 2013b). (Ditton 2016, S. 84)

Ditton, H. (2010). Wie viel Ungleichheit durch Bildung verträgt eine Demokratie? In E. Klieme (Hrsg.), Kompetenzmodellierung. Zwischenbilanz des DFG-Schwerpunktprogramms und Perspektiven des Forschungsansatzes (Zeitschrift für Pädagogik : Beiheft, Bd. 56, Bd. 56, S. 53–68). Weinheim u.a.: Beltz. http://www.pedocs.de/volltexte/2013/7135/pdf/ZfPaed_1_2010_Ditton_Wie_viel_Ungleichheit.pdf.
Ditton, H. (2016). Schulqualität unter der Perspektive von Systemstrukturen und Bildungsverläufen. In U. Steffens & T. Bargel (Hrsg.), Schulqualität - Bilanz und Perspektiven. Grundlagen der Qualität von Schule 1 (Beiträge zur Schulentwicklung, S. 65–94). Münster: Waxmann.

Fazit: Bildungsungleichheit ist belegt

Die Verwendung des Begriffes ist sachgerecht. Man darf sogar, was in der einschlägigen Forschung auch geschieht, von „Segregation“ reden. Über die Ursachen wird weiter zu verhandeln sein. Eine wurde in diesem Blog bereits angesprochen, nämlich die Diagnose-Inkompetenz von Grundschullehrkräften bei der Laufbahnprognose oder -beratung von Zehnjährigen.

6 Kommentare

  1. […] Die Idealvorstellung der Grünen ist, dass sich die Eltern im Lernentwicklungsgespräch gut beraten lassen und eine zu ihrem Kind passende Schulartempfehlung erhalten, der sie dann auch folgen. Die Erfahrung in anderen Bundesländern zeigt aber, dass die Eltern tendenziell zu hoch greifen und meinen, es müsste dann aber doch das Gymnasium sein, oder wenigstens die Realschule. […]

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s