Fail #7: „Das dreigliedrige System hat sich bewährt“

Er kann es einfach nicht lassen:

Dreigliedriges System soll bleiben

Spaenle betonte, das bayerische Bildungssystem stehe gut da. Das liege in erster Linie am differenzierten Schulwesen, an dem der Freistaat als eines von wenigen verbliebenen Bundesländern auch künftig festhalten wolle. Das dreigliedrige System mit Mittel-, Realschule und Gymnasium habe sich bewährt und gebe die „bestmögliche Antwort“ auf die Heterogenität der jungen Menschen.

Mittelbayerische vom 01.04.2017: http://www.mittelbayerische.de/region/regensburg-stadt-nachrichten/rueckkehr-zum-g9-spaenle-verraet-details-21179-art1503845.html

Dr. Spaenle ist zwar nur Politiker, der als solcher nicht unbedingt mit umfangreichem pädagogischen Detailwissen glänzen muss, aber ein paar Unterscheidungen sollte er schon treffen können:

„Das bayerische Bildungssystem steht gut da“?

Ja.

„Das liegt in erster Linie am differenzierten Schulwesen“?

Also, Schülerinnen und Schüler: Es liegt nicht in erster Linie an euch, nicht an eurem Lernen, Können und Wissen.

Ebenso wenig an euch, liebe Eltern: nicht an eurem Einsatz als unbezahlte Hausaufgabenmotivatoren und ebenso unausgebildete wie bemühte und zuweilen verzweifelnde Nachhilfelehrkräfte oder als notgedrungen professionelle Nachhilfe Bezahlende.

Und es liegt auch nicht in erster Linie an euch, ihr Lehrerinnen und Lehrer: Euer Bemühen um individuelle Förderung, um stete Motivation und um kompetente Wissensvermittlung ist zwar wichtig, aber letztlich zählt das System.

Also nein.

„Das dreigliedrige System mit Mittel-, Realschule und Gymnasium hat sich bewährt“?

Lassen wir mal einen erfahrenen Beobachter der bayerischen Schullandschaft zu Wort kommen, nämlich den ehemaligen Professor für Schulpädagogik an der Uni Regensburg, Heinz-Jürgen Ipfling:

Bewährung der Dreigliedrigkeit?

[Eine pragmatische Begründung der Dreigliedrigkeit] geht nicht von gesellschaftlichen oder anthropologischen Zusammenhängen aus, sondern erschöpft sich in der Aussage, dass sich die Dreigliedrigkeit ‚bewährt‘ habe. Worin im Einzelnen diese Bewährung liege, wird nicht deutlich. (Ipfling 1991, S. 90)

Das dreigliedrige Schulsystem hat seine Wurzeln in der ständischen Struktur

Die historische Entwicklung unseres dreigliedrigen Schulsystems spiegelt die ursprünglich ständische Struktur der Gesellschaft wieder (Ipfling 1991, S. 84)

Phasenverschiebung und wer ein Interesse daran hat

Meine These geht nun dahin, dass ein letztlich ständisch begründetes Schulsystem immer stärker seine Disfunktionalität erweist, je mehr sich die Gesellschaft einer mobilen, sozialen und demokratischen Struktur annähert… während die Schule in ihrer Struktur mit einer institutionell-bürokratisch und politisch bedingten Phasenverschiebung den gesellschaftlichen Entwicklungen hinterherläuft. Politisch haben an diesem Nachhinken oder gar Gegensteuern jene ein Interesse, denen an der Stabilisierung vorhandener oder Restauration ehemaliger gesellschaftlicher Verhältnisse liegt… (Ipfling 1991, S. 85)

Profilierung der HS

Der Deutsche Ausschuss behielt 1964 (Beginn Zitat) die Dreigliedrigkeit bei und wollte das Profil der Hauptschule vor allem durch die Arbeitslehre als didaktischem Zentrum bestimmt sehen. Mittlerweile wissen wir, dass diese Zielvorstellung bislang nicht erreicht ist. Trotzdem wird die Forderung nach Profilierung der Hauptschule permanent von den verschiedensten Seiten vorgetragen… manche Politiker reservieren die Hauptschule für die praktisch Begabten, haben aber immer noch nicht wahrgenommen, dass keine Selektion für die Hauptschule stattfindet und schon gar keine nach diesem Kriterium. So hat die Forderung nach Profilierung der Hauptschule bisher den Charakter einer Beschwörungsformel. (Ipfling 1991, S. 87)

Nicht Profiltypen prägen, sondern individuelle Profilierung ermöglichen

Schule in einem demokratischen Staat muss jedem jungen Menschen gleiche Entwicklungschancen einräumen. Sie muss sich vor einer vorzeitigen Selektion und Allokation hüten. Ihre Aufgabe ist nicht die Prägung bestimmter Profiltypen, sondern die Ermöglichung individueller Profilierung. (Ipfling 1991, S. 91–92)

Konstruktive Kritik an der Dreigliedrigkeit

Die Disfunktionalität der Dreigliedrigkeit sollte durch konstruktive Kritik im Bereich der Schulstruktur gemildert oder beseitigt werden. (Ipfling 1991, S. 95)

Ipfling, H.-J. (1991). Die Hauptschule. Materialien - Entwicklungen - Konzepte ; ein Arbeits- und Studienbuch. Bad Heilbrunn/Obb.: Klinkhardt.

Professor Ipfling hat sein Buch 1991 veröffentlicht – Zeit genug, sich mit diesen Fragen nicht nur ideologisch, sondern auch sachlich auseinander zu setzen.

Hat sich die dreigliedrige Struktur also bewährt?

Ja. Ebenso aber auch eine viergliedrige oder zweigliedrige oder eingliedrige. Darauf wurde an andereStellen bereits hingewiesen.

„Die dreigliedrige Struktur ist die bestmögliche Antwort auf die Heterogenität der jungen Menschen“?

Keinesfalls. Es ist längst nachgewiesen, dass der Versuch, die Vielfalt der Kinder auf drei angeblich homogene Schubladen zu verteilen, nicht funktioniert und nicht funktionieren kann.

Hier ist eine bessere Antwort auf den Umgang mit Heterogenität:

Damit die Chancen der Heterogenität im Interesse der SchülerInnen –und auch der LehrerInnen- erfolgreich genutzt werden können, müssen folgende Bedingungen erfüllt sein: · Eine Ausbildung und Befähigung der Lehrkräfte zum professionellen Umgang mit Heterogenen Schülergruppen: Abkehr vom belehrenden Unterricht, wertschätzendes Verhalten, Diagnosefähigkeit, Förderfähigkeit, Individualisierende Unterrichtsverfahren, Kooperation, Gestaltung der Lernumgebung, hohe Professionalität im Classroom management. · Allgemeiner –und nicht nur punktueller – Verzicht auf alle Selektionsinstrumente: das ist eine Forderung an die Politik · Investitionen in die Förderung während der gesamten Schulzeit, insbesondere in der Vorschule und Grundschule. · Sehr behutsamer und vertrauensvoller Umgang mit Evaluationsverfahren, Standards, Prüfungen und Tests. (Ratzki 2005, S. 12; Unterstreichung von mir P.S.)

Ratzki, A. (2005, Januar). Heterogenität - Chance oder Risko? Eine Bilanz internationaler Schulerfahrungen. Antrittsvorlesung.

Aber mei – wenn man als Kultusminister mal seine Textbausteine im Kopf hat, ist es sehr schwer wieder davon loszukommen.

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