Fail #5: Externe Evaluation

Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) will sie aussetzen*, Schuleiter blasen die Backen auf und ziehen die Köpfe ein, wenn es um die Frage geht, welche Schulen sich als nächste evaluieren wollen sollen – what’s wrong mit der externen Evaluation?

Ziele der externen Evaluation

Ein Flyer der bayerischen Qualitätsagentur stellt die Ziele der externen Evaluation so dar:

Bayerische Schulen werden in regelmäßigen Abständen von einem Evaluationsteam besucht, das die Qualität der einzelnen Schule untersucht. Die Schule erhält einen Bericht mit Bewertungen und Anregungen zur Verbesserung der Qualität von Schule und Unterricht. Dabei geht es nicht um einzelne Personen, sondern um die Schule als Ganzes. Externe Evaluation nach dem bayerischen Modell hilft der Schule, auf Grundlage gesicherter Daten die Wirksamkeit ihrer Arbeit einzuschätzen und ihre Stärken und Schwächen zu erkennen. Die Ergebnisse der externen Evaluation dienen der Schulleitung als Grundlage, um zusammen mit der Schulaufsicht Zielvereinbarungen zu schließen und Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung einzuleiten.

Es geht also um Anregungen und Hilfen zur Verbesserung der Qualität der eigenen Schule. Daran ist überhaupt nichts verkehrt. Warum ist die externe Evaluation unter Schulleitern dennoch so beliebt wie ein Schnupfen im Februar? Können die Eltern nicht mit Fug und Recht erwarten, dass ihre Schule sich um stete Weiterentwicklung bemüht?

Ist doch alles wichtig!

Von einer Schulleitung kann man mit Recht verlangen, dass sie Schulentwicklung betreibt.

  1. Es sollte kein Problem sein, einmal in vier Jahren eine externe Evaluation vorzubereiten, das Evaluationsteam zu empfangen und die vorgeschlagenen Maßnahmen umzusetzen.
  2. Daneben muss es doch noch machbar sein, auf ein komplett neues Schulverwaltungssystem umzustellen (ASV), oder?
  3. Na ja, wenn man oder frau dann auch noch dabei ist einen Ganztagszweig aufzubauen oder am Laufen zu halten, wird’s vielleicht schwierig. Verhandlungen mit den Kooperationspartnern können ebenso nervenaufreibend sein wie die Organisation des Mittagessens.
  4. Hm – dann wären da die Übergangsklassen zu versorgen, in denen Kinder verschiedenster Herkunft und unterschiedlichen Alters gemischt werden.
  5. Die Inklusion steht vor der Tür; sie ist laut Schulgesetz (BayEUG Art 2 Abs 2 und Art 30b) Ziel der Schulentwicklung jeder Schule.
  6. Nebenbei muss dann noch der neue LehrplanPlus umgesetzt werden.
  7. Und war da nicht noch was mit KESCH = Kommunikation Eltern-Schule, das zu einem festen Termin ein Konzept vorzulegen erforderte?
  8. Oder etwas allgemeiner: Ein Schulprogramm muss her. Auch eine Terminarbeit.
  9. Schulleitungen der Grund- und Mittelschulen haben nebenher noch Unterricht zu erteilen; in kleineren Schulen haben sie eine Klassenleitung mit Elternabenden, Elterngesprächen und allem Drumherum.
  10. Die Industrie – zumindest ein einflussreicher Teil davon – will unsere Schule digitalisieren: iPad statt Kreide. Soll das angeleiert werden?
  11. Fast vergessen: Unterrichtsbesuche! Man / Frau muss ja schließlich die eigenen Leute beurteilen, oder genauer: der Schulrätin einen Beurteilungsvorschlag vorlegen. Dieser erfordert eine gewisse Anzahl von Unterrichtsbesuchen. Bei jeder Lehrkraft.
  12. Und ständig ist irgendjemand krank. Oder junge Grundschullehrerinnen werden – Überraschung! – schwanger. Mobile Reserven sind nicht mehr zu kriegen, also: Klassen zusammenlegen, Doppelführung, oder als Schulleiterin selbst einspringen. Dann bleibt halt das Verwaltungszeugs erst mal liegen.

Die Liste ist individuell zu kürzen oder sogar noch zu erweitern und hat ein Phänomen zur Folge, das man bisher nicht kannte: Schulleitungsposten werden ausgeschrieben. Und ausgeschrieben… Und ausgeschrieben… Und nicht besetzt. Ist es ein Wunder, dass viele geeignete Lehrerinnen oder Lehrer abwinken? Wer will sich das antun?

Das Kultusministerium antwortet. Es hat 1) bisher immer alles richtig gemacht und ist 2) ahnungslos:

„Warum Schulleiter in den Ruhestand gehen, wird uns nicht mitgeteilt. Und wenn jemand möglicherweise krank ist, wie weit man Burnout auch immer als Krankheit gedeutet oder nicht gedeutet wird, haben wir natürlich keine Information. Der Regelfall: Der Schulleiter geht altersbedingt entsprechend in den Ruhestand.“

Ludwig Unger, Pressesprecher des Kultusministeriums

evaluation

Der Kontext macht’s

Es sollte deutlich geworden sein, wo das Problem liegt: Jede einzelne Maßnahme ist richtig und wichtig. Doch wenn zu viele Qualitätsmaßnahmen auf eine Schule und eine/n Schulleiter/in einstürzen, dann wird es ungesund. Und dann ist es eine gesunde Reaktion, bei bestimmten Erwartungen eben die Backen aufzublasen und abzuwinken. Auf der internen Prioritätenliste vieler Rektor/innen rangiert die externe Evaluation weiter unten, weil die anderen Dinge dringender erledigt werden müssen.

Also ein Systemfehler.

 


* Simone Fleischmann, die Präsidentin des BLLV schreibt in einer Mail am 24.03.17 an die Mitglieder [Hervorhebung von mir]:

Unterrichtsversorgung kippt

Parallel dazu droht die Unterrichtsversorgung zu kippen. Die Grippewelle war heuer extrem, die Mobilen Reserven sind längst verbraucht und vorhandene Lehrerplanstellen konnten nicht besetzt werden, da keine Lehrerinnen und Lehrer verfügbar sind. Der BLLV hat ein Notprogramm (http://www.bllv.de/Unterrichtsversorgung-Kommentar-Fleischmann-2017.12785.0.html) gefordert. Befristet sollen Vorhaben wie die Externe Evaluation ausgesetzt werden, um kurzfristig Lehrerstunden zu gewinnen.

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