Voll der Abgrund, ej!

Erlebnispädagogik und Suchtprävention in der Mittelschule

Bei dem Stichwort „Erlebnispädagogik“ sah ich vor meinem inneren Auge immer Bergsteiger über Abgründen hängen, wettergegerbte Seebären breitbeinig an Deck eines Segelschiffes stehen oder Survival-Typen blubbernde Sümpfe durchqueren und Käfer verspeisen: Spektakulär muss es zugehen; action in der freien Natur, Kampf gegen die Elemente!

Diese Dinge gehören auch dazu, zeigen aber nur die eine Seite. Die andere Seite sind die fast alltäglichen, unspektakulären Aktionen, die man ohne großen Aufwand an einem normalen Schulvormittag durchführen kann (zu finden in dem Band von Kölsch und Wagner): Kommunikations- und Problemlösungsaufgaben, „Vertrauenswanderungen“ mit verbundenen Augen, „Moor­durch­que­run­gen“ auf Teppichfliesen oder das gesamte Spektrum der „New Games“ (Vgl. dazu die Material- und Literaturliste).

Epäd_SeilAuch mit diesen einfachen Aktionen kann man die erlebnispädagogischen Ziele erreichen: eine Stärkung des Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühls; Bewusstmachung des Wertes des Einzelnen für die Gruppe; Erfahrung eigenen Könnens; Erfahrungen der Nähe. Wenn ich jetzt trotzdem über die „großen“ Aktionen rede, dann um zu zeigen, dass sie auch für Hauptschulklassen möglich und sinnvoll sind.

Für wen ist Erlebnispädagogik?

Erlebnispädagogik klingt manchem ein bisschen nach Pfadfinderei oder einfach Kindheit auf dem Lande. Das ist richtig: Für viele Kinder liegen die Erlebnisse di­rekt vor der Haustüre. Sie klettern ganz selbstverständlich auf Bäumen herum, rutschen im Winter auf ihren Brettern und Schlitten die Hügel hinunter, bauen sich Schneehöhlen und -burgen, schippern auf abenteuerlich gezimmerten und zusam­mengeknoteten Flößen über den Dorfteich und erobern mit ihren Fahrrädern die gan­ze Gegend. Wer so aufwächst, gehört auch selten zum inneren Kreis der Drogen­gefährdeten.

Erlebnispädagogik ist wichtig für die Kinder und Jugendlichen, die aus irgendwelchen Gründen diese natürlichen Möglichkeiten nicht haben. Die Jahre lang so leben, wie Christiane F. („Kinder vom Bahnhof Zoo“): in Betonburgen wie der Gropiusstadt, Neuperlach oder Neu-Germering, ohne Zugang zu natürlichen Erlebnisräumen, Wiesen, Flüssen, Bergen, Seen, Höhlen.

Solche Kinder und Jugendlichen suchen sich andere Erlebnisse und müssen sich anders beweisen. Deshalb greifen sie zur Flasche, zu Ecstasy, Hasch oder härteren Drogen. Diesen Zusammenhang möchte die Erlebnispädagogik aufbrechen. Wie die Ziele, die sie dabei verfolgt, genauer aussehen, erläutern die folgenden Ausführungen.

Ziel 1: Ichstärke gegen falsche Konformitätsbestrebungen

In der Pubertät spielt für viele Jugendliche die peer group die maßgebliche Rolle. Wichtig ist, von den Jungs und Mädchen in der Gruppe anerkannt zu werden. Das hat Folgen für die Art, wie man sich gibt, für die Kleidung, die man trägt, für die Sprüche, die man klopft, und für die Meinung zu irgendwelchen Themen. In der Gruppe gibt es normalerweise Führerfiguren, die eine Richtung vorgeben, und die so genannten „Mitläufer“, die dazugehören wollen.

Wenn die Führer Drogenkonsum vorgeben, dann häufig als Statushandlung oder bewusste Grenzerfahrung (das wird weiter unten genauer erläutert). Die anderen folgen, teils aus Überzeugung, teils weil sie Angst haben, nicht anerkannt zu werden, nicht dazuzugehören oder in den Augen der anderen nichts zu gelten.

In der Erlebnispädagogik geht es darum, solche Kinder und Jugendlichen zu stärken. Für sie ist es wichtig, in den Aktionen eigenes Können zu erfahren („Ich kann ein Floß steuern.“ „Ich habe der Gruppe geholfen, das Problem zu lösen.“ „Ich hab es über den Fluss geschafft!“ „Ich hatte keine Angst in der Höhle!“) und sich selbst zu erkennen, sich den eigenen Wert bewusst zu machen, damit diese Kinder mehr aus ihrem eigenen Urteil heraus leben und sich selbst bestimmen können.

Ziel 2: Selbstbewusstsein gegen falsche Statushandlungen

Zigaretten, Alkohol und andere Suchtmittel haben für Kinder und Jugendliche oft schon allein deshalb einen starken Reiz, weil sie damit eine Zurschaustellung von Reife und Erwachsensein verbinden. Diese Schüler nehmen demonstrativ Genüsse vorweg, die sonst den erwachsenen Menschen vorbehalten sind und zeigen damit: „Seht mal, so weit bin ich auch schon längst!“ Sie haben dann das Gefühl – und in den Augen der Gleichaltrigen und Kleinen ist es tatsächlich so -, dass die Coolness des Marlboro-Mannes auch von ihnen ausstrahlt.

Gemeinschaftsbezogene erlebnispädagogische Aktionen geben den reiferen (und reifer sein wollenden) Heranwachsenden Gelegenheit, sich entsprechend zu profilieren. Sie können einerseits demonstrieren, wie cool sie selber die Herausforderungen bestehen; aber andererseits auch, wie überlegen und umsichtig sie das gemeinsame Herangehen an Problemlösungsaufgaben organisieren können. Wer eine Führerfigur sein will, kann es in diesen Fällen auf eine gesunde Weise sein.

Einer meiner obercoolen Siebtklässler (der schon fast 16 war) konnte sich beispielsweise bei einer Abseilübung profilieren, indem er als erster über die Kante ging und später noch einmal, als ein anderer Schüler mitten in der Wand Ermutigung brauchte. Ihm und anderen ermöglicht die Erlebnispädagogik Statushandlungen, die mindestens genauso intensiv wirken wie Drogenkonsum.

Ziel 3: Problemlösungskompetenz gegen Wirklichkeitsflucht

Der Drogenrausch bietet vieles. Ein wichtiger Aspekt ist die Entspannung, die einhergeht mit Vergessen. Menschen, die aus irgendwelchen Gründen (vielleicht auch zurecht) das Gefühl haben, dass ihnen die Probleme über den Kopf wachsen, versuchen häufig, vor den Problemen davonzulaufen, sie zu verdrängen oder zu vergessen. Der Drogenrausch bietet wenigstens für ein paar Stunden eine problemfreie Zone, Hochgefühle und Zufriedenheit. Keine Frage, dass nach solchen Hochs der Fall in die Niederungen der Wirklichkeit umso heftiger schmerzt und die Tendenz zur Flucht wiederum verstärkt, so dass sich der Teufelskreis der Abhängigkeit rasch schließen kann.

Auch erlebnispädagogische Aktivitäten könnte man unter dem Aspekt der Wirklichkeitsflucht sehen – zumindest für ein paar Tage einmal raus aus dem Trott, Natur intensiv erleben, mit Freunden zusammen entspannen – warum nicht.

Darüber hinaus wird aber etwas Stärkeres angestrebt: Die Teilnehmer eines erlebnispädagogischen Camps werden bewusst mit Situationen konfrontiert, deren Bewältigung sie sich nicht auf Anhieb zutrauen. Schüler sollen mit in eine Höhle, wo ihnen doch die Dunkelheit Angst macht! Sie sollen sich im unbekannten Gelände orientieren, nur mit Kompass, Karte und zwei, drei Freunden als Hilfe! Sie sollen sich abseilen oder einen Fluss auf einer wackligen Behelfsbrücke überqueren, wo ihnen doch vielleicht vor Abgründen graut! Wie sagte Michi (13) so treffend: „Wennst über die Kante schaust, da sch… voll ein!“

Um so großartiger fühlen sie sich dann unten. Viele Teilnehmer erleben in solchen Situationen, dass sie stärker sind als erwartet und dass ihre Ängste unbegründet waren. Sie nehmen mit Erstaunen wahr, dass sie selbst schwierigste Aufgaben bewältigen können. Natürlich ist der Erfolg nicht garantierbar, aber das macht ja gerade das Pädagogische an der Erlebnispädagogik aus, dass die Organisatoren (Sozialpädagogen, Trainer und Lehrer) sensibel die Grenzen der einzelnen Teilnehmer erkennen und ihnen adäquate Aufgaben stellen.

Wer im Gelände seine eigene Kompetenz im Umgang mit Problemen einmal erkannt hat, wird sich auch im Alltag weniger leicht in die Opferrolle begeben und ein bisschen besser in der Lage sein, die eigenen Probleme aktiv zu konfrontieren.

Das gilt auch für soziale Probleme, denn auch in dieser Beziehung können erlebnispädagogische Aktivitäten eine Hilfe bieten: Hier werden Gruppen bewusst in Situationen geführt, die Spannungen auslösen können (Problemlösungsaufgaben mit Entscheidungsfragen). Die Teilnehmer lernen die Dynamik kennen, die hinter solchen Spannungen steckt, und bekommen Strategien an die Hand, konstruktiv damit umzugehen. Auch in dieser Beziehung also kann die Problemlösungskompetenz gestärkt und damit die entsprechende Suchtgefahr reduziert werden.

Ziel 4: Abenteuer als gesunde Grenzerfahrung

Epäd_FloßFür viele Jugendliche hat der Konsum von Alkohol oder Rauschgift mit Abenteuer zu tun. „Was geschieht mit mir, wenn ich fünf Gläser Whisky trinke?“ „Was bewirkt eine Ecstasy-Pille?“ „Spüre ich was, wenn ich einmal am Joint ziehe?“ Es sind gerade die unternehmungslustigen Kinder und Jugendliche, die solche Grenzerfahrungen suchen. Sie sind neugierig, spüren besonders den Reiz des Verbotenen und lieben das Risiko. Sie suchen den Kick in ihrem Leben.

Von da aus kann es unterschiedlich weitergehen. Die einen wissen nach ein paar Versuchen Bescheid und suchen sich – wenn keine anderen Gründe den Drogengebrauch stützen – andere Grenzerfahrungen.

Die anderen suchen auch neue Herausforderungen, allerdings in derselben Richtung: Noch mehr Alkohol, andere und stärkere Drogen, vom Hasch zum Heroin…

Grenzen können auch in erlebnispädagogischen Abenteuern erfahren werden: Der erste Schritt über den Abgrund; ein paar Minuten in einer Höhle ohne Licht – oder vielleicht sogar darin übernachten; ein Sturm auf einem Segelschiff oder das Erreichen eines Berggipfels geben eigentlich jedem einen Kick, der überhaupt noch erlebnisfähig ist.

Wer rechtzeitig gesunde und gesund machende Möglichkeiten der Grenzerfahrung kennenlernt, ist nicht auf die ungesunden Möglichkeiten angewiesen, die ihm Drogen jedweder Art zu bieten scheinen.

Exkurs: Alltägliche Erlebnispädagogik

An dieser Stelle möchte ich auch gleich auf die fast alltäglichen Möglichkeiten hinweisen, einen Kick zu kriegen: Kinder und Jugendliche, die über Wochen oder Monate als Mitglieder einer Band, Theatergruppe oder Sportmannschaft etwas eingeübt haben und nun kurz vor der Premiere stehen, erleben diesen Kick als Lampenfieber. Sie sind gleichzeitig „fix und fertig“, aber auch positiv gespannt auf das, was sie zu präsentieren haben. Auch hier warten intensive Erlebnisse, nur laufen sie nicht unter diesem Etikett. So gesehen, macht jede Schülerband oder jede Schultheatergruppe „Erlebnispädagogik“.

Ziel 5: Gemeinschaft gegen Isolation

Eine Gruppe kann zwiespältig auf den Einzelnen wirken. Sie kann, wie oben beschrieben, starken Druck ausüben und schwächere Mitglieder zwingen, sich anzupassen, gemäß der Gruppennormen zu agieren und gegebenenfalls etwas gegen die eigenen Überzeugungen zu tun; eben beispielsweise Drogen zu konsumieren.

Oder sie kann den Einzelnen stützen und halten, wenn ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird und er sein Heil im Rausch suchen möchte. Es ist eine selbstverständliche Erfahrung, dass Heranwachsende, die in der Schule und zu­hause nur Reibungen erzeugen oder Misserfolge erleben, wenigstens in der Gruppe die Bestätigung erfahren, die sie stabilisiert.

Wer nicht einmal mehr eine Gruppe oder mindestens einen guten Freund hat, dem bleibt dann tatsächlich nicht viel anderes, als sich in irgendeinen Rausch zu stürzen.

Dabei ist das in der Gruppe nicht unbedingt nur ein eindimensionales einander Rechtgeben gegen die böse Außenwelt, sondern kann auch gegenseitige Kritik beinhalten. Die Kritik kann dann angenommen werden, wenn sie von Menschen geäußert wird, die der Angesprochene akzeptiert – was in Bezug auf Eltern und Lehrer nicht unbedingt der Fall sein muss. Die Gruppe ist hier ein wesentliches Korrektiv.

Erlebnispädagogik sieht eine ihrer Aufgaben auch darin, intensive Gemeinschaftserlebnisse zu vermitteln. Kinder, die eine Woche zusammen in der Natur verbringen, lernen sich besser und mit anderen Eigenschaften kennen – auch wenn sie schon ein Jahr lang im selben Klassenzimmer miteinander saßen. Sie lernen beim gemeinsamen Floßbau konstruktiver miteinander umzugehen. Sie lernen Vertrauen, wenn sie sich beim Klettern gegenseitig sichern. Sie spüren Gemeinschaft, wenn sie im Bauch der Höhle miteinander ihre Brotzeit essen. Der Wert des Einzelnen kann steigen und sich auch auf den Alltag auswirken.

Das Problem der Finanzen

Einige Punkte der Ausführungen haben schon deutlich werden lassen, dass das mit der Erlebnispädagogik nicht gar so einfach ist: Wenn die Schüler überfordert werden, haben sie gerade die positiven Erlebnisse nicht, die von der Maßnahme intendiert sind. Es ist deshalb besonders in der Anfangsphase unbedingt nötig, mit erlebnispädagogisch ausgebildeten Fachkräften zusammen zu arbeiten. Nur die Anwesenheit solcher Fachkräfte garantiert,

  • dass vielfältige Aktionen durchgeführt werden können;
  • dass kein bloßer Aktionismus herrscht, sondern die Aktivitäten pädagogisch geplant und reflektiert werden und
  • dass vor allem sämtliche wichtigen Sicherheitsaspekte beachtet werden.

Wir Lehrkräfte haben also, mangels eigener Erfahrung, gar nicht die Möglichkeit, ohne eine solche professionelle Hilfe auszukommen und müssen die entsprechenden Kosten auf uns nehmen. Ein Schullandheimaufenthalt wird leicht um 1000 Euro teurer, wenn man ihn mit erlebnispädagogischen Aktionen verbindet.

Die Möglichkeiten der Geldbeschaffung sind von Schule zu Schule unterschiedlich. Wir konnten außer der Familienkasse auch noch andere Quellen anzapfen; und zwar durch…

  • … eine konsequente Auffüllung des Klassen-Sparschweins (zum Beispiel als Strafe für Schimpfwörter)
  • … Pausenverkauf in der Schule (gleichzeitig ein Arbeitslehre-Projekt)
  • … Antrag an den Schulaufwandsträger
  • … Bittbriefe an örtliche Firmen, Geschäfte und Banken,
  • … Bittbriefe an Abgeordnete

Und der Effekt?

Natürlich können wir nicht sagen: „Jetzt, nach unserem Abenteuercamp, haben wir weitaus weniger Drogenprobleme an der Schule als vorher.“ Erlebnispädagogische Maßnahmen versuchen Haltungen und Einstellungen zu verändern und sind deshalb nur langfristig zu beurteilen. Sie zielen größtenteils auf den Bereich des Unbewussten, das bedeutet, ihre Wirksamkeit ist den Beteiligten per definitionem nicht bewusst. Aus Sicht der Schüler haben diese Aktionen oft gar nichts Pädagogisches. Selbstverständlich werden die Familien den Hauptteil dieser Kosten tragen. Allerdings bleiben einige „Fälle“, zum Beispiel alleinerziehende Mütter, die damit ihre finanziellen Nöte haben. Es gibt immer Möglichkeiten die Kosten zu senken – Mitreise einer zweiten Schulklasse; Unterbringung in einem Selbstversorgerhaus o.ä..

 

Literatur: 

Fluegelman, Andrew: New Games. Die neuen Spiele (Bd 1 und 2), Mühlheim an der Ruhr 1991.

Heckmair, Bernd u.a. (Hg): Die Wiederentdeckung der Wirklichkeit. Erlebnis im gesellschaftlichen Diskurs und in der pädagogischen Praxis, Alling 1995.

Jugendamt der Stadt Nürnberg (Hg): Hinter Nürnberg liegt der Dschungel. Handbuch zum Thema Erlebnispädagogik und Suchtprävention, Nürnberg o.J.

Kölsch, Hubert / Wagner, Franz-Josef: Erlebnispädagogik in Aktion. Lernen im Handlungsfeld Natur, Neuwied 1998.

 

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