Faktencheck #3: Übertrittsalter

Das Übertrittszeugnis, das die bayerischen Viertklässler immer Anfang Mai erhalten, ist das Papier nicht wert, auf dem es steht.

Woher dieses harsche Urteil?

Das Zeugnis enthält lt. Grundschulordnung:

 

  • die Jahresfortgangsnoten in allen Fächern,
  • die Gesamtdurchschnittsnote aus den Fächern Deutsch, Mathematik, Heimat- und Sachunterricht,
  • eine Bewertung des Sozial- sowie des Lern- und Arbeitsverhaltens,
  • eine zusammenfassende Schullaufbahnempfehlung, in der die derzeitige Eignung für den weiteren Bildungsweg festgestellt wird.

Noten signalisieren Objektivität.

Auf den ersten Blick passt das ja auch: Jede Schülerin und jeder Schüler schreibt idealerweise in der 4. Klasse, die gleichen – zumindest die gleich anspruchsvollen – Probearbeiten, die möglichst auch zum gleichen Zeitpunkt stattfinden (damit alle die gleiche Vorbereitungszeit haben) und alle nach den gleichen Kriterien ausgewertet werden. Könnte es objektiver zugehen?

Nein, könnte es nicht. Das ist ja auch nicht das Problem: Wenn Schule ihrem Selektionsauftrag folgt, dann muss sie für alle Schüler die gleichen Maßstäbe anlegen.

Das Problem sind die Schüler: Sie sind zu unterschiedlich.

Diese Unterschiedlichkeit wird nicht aufgrund irgendeiner blumigen heija-popeija-Pädagogik behauptet, sondern hängt objektiv nachvollziehbar am unterschiedlichen Alter der Kinder. Dieses Diagramm zeigt die Altersverteilung in einer beliebigen 4. Klasse einer Schule.

Alter_Jgst4

Man erkennt, dass einzelne Schüler im Verhältnis zum Übertritts-Stichtag 371 Tage älter und 183 Tage jünger sind als das Kind, das Anfang Mai genau 10 Jahre alt ist. Es gibt in dieser Klasse eine Altersdifferenz von bis zu 554 Tagen = 18,5 Monaten.  Im Jahr davor waren es sogar 928 Tage = 31 Monate, also mehr als zweieinhalb Jahre!

Nun ist wohl unmittelbar einleuchtend, dass ein Schüler, der – vereinfacht geschätzt – eineinhalb Jahre älter ist als der jüngere  Klassenkamerad einen gewissen Reife- und normalerweise auch Wissensvorsprung besitzt. Die älteren Kinder sind den jüngeren Kindern gegenüber im Vorteil. Oder würde daran jemand zweifeln?

Wissenschaftliche Untersuchung des Alterseffektes

Was ich hier behaupte, ist keine bloße Meinung, sondern gut belegt. Hendrik Jürges und Kerstin Schneider haben sich in einem Arbeitspapier für das ifo-Institut mit dieser Frage auseinander gesetzt und sind zu folgenden Ergebnissen gekommen:

  1. Das Alter spielt bei der Laufbahnentscheidung eine große Rolle.

    It is not surprising that relative age effects – especially at young ages – are omnipresent. The important question is whether such initial disadvantages in life have longlasting effects. The German school system gives more reason to worry in this respect than other countries‘ systems. Birthday effects may be long-lasting because children are separated early (at the age of ten) into different secondary school types. (Jürges und Schneider 2007, S. 4)

  2. Das relative Alter induziert einen Willkürfaktor in die Laufbahnentscheidung.

    Using data from the German PISA 2000 extension study (PISA-E), we find that relative age at recommendation has a significant and sizeable effect on teacher’s recommendations to enter Gymnasium. Younger pupils are less often recommended to Gymnasium. Since relative age at school entry is largely driven by institutional birth date regulations concerning school entry, this type of recommendation bias is arbitrary. (Jürges und Schneider 2007, S. 4)

  3. Der Alterseffekt wirkt sich auch bei späterer Laufbahnentscheidung aus

    Finally, we find no evidence that postponing the recommendation by another two years, for instance by extending primary schools to six years or introducing a two year orientation stage between primary and secondary school, reduces the age bias in a quantitatively or statistically significant way. (Jürges und Schneider 2007, S. 5)

  4. Ältere Kinder haben einen Reife- und Leistungsvorsprung.

    Relatively older children are relatively more mature, perform better in school and have a higher level of social competence. Perhaps younger children also have problems to assert themselves in a group of older children. (Jürges und Schneider 2007, S. 20)

  5. Elf Monate Altersvorsprung macht eine Empfehlung fürs Gymnasium um 10 Prozent wahrscheinlicher.

    Using data from the German PISA-E study, we find that an eleven month difference in assigned relative age is associated with a ten percentage point difference in receiving a Gymnasium recommendation in grade 4 and a six percentage point difference in actually attending Gymnasium in grade 9. This is the net birthday effect observed in the German school system. (Jürges und Schneider 2007, S. 20)

  6. Das Probem kann nur gelöst werden, wenn man die Kinder später oder am besten gar nicht aufteilt.

    A solution often proposed to the problem of age biased recommendations is to abandon the current form of the tracking system altogether or track children at a later age, as is common practice in other countries. As was discussed above, such a regime change might not only reduce educational inequality but also increase aggregate performance. (Jürges und Schneider 2007, S. 21)

Ungleiches gleich behandeln?

Es wird im Übertritt also eindeutig Ungleiches gleich behandelt. Damit kommt der Gesetzgeber in die Gefahr einer Kollission mit dem Grundgesetz. Der Gesetzgeber darf nämlich „weder wesentlich Gleiches willkürlich ungleich noch wesentlich Ungleiches willkürlich gleich behandeln“. Willkür wird dabei definiert als „die tatsächliche und eindeutige Unangemessenheit der Regelung in Bezug auf den zu ordnenden Gesetzgebungsgegenstand“. (Glock 2007)

Meines Erachtens ist die Übertrittsregelung der bayerischen Grundschulordnung angesichts der großen Altersunterschiede eindeutig unangemessen und behandelt Ungleiches gleich.

Man kann es auch so ausdrücken: Die Übertrittsnoten sind ein notwendiges Selektionsinstrument. Indem sie Ungleiches gleich behandeln, widersprechen sie dem Gleichheitsgrundsatz.

Aus diesem Dilemma der Selektion gibt es keinen Ausweg. Sie steht gegen die Verfassung.

Literatur:
Jürges, H. & Schneider, K. (2007). What Can Go Wrong Will Go Wrong: Birthday Effects and Early Tracking in the German School System, ifo Institut für Wirtschaftsforschung. CESifo Working Paper: 2055. http://www.cesifo-group.de/ifoHome/publications/working-papers/CESifoWP/CESifoWPdetails?wp_id=14557635.
BVerfGE 4, 144 (155).
http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2008/5787/pdf/GlockSebastian--2008-04-03.pdf

 

 

 

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