Faktencheck #2: Sitzenbleiben

Zitat aus dem Kultusministerium

„Die Abschaffung des Klassenwiederholens widerspricht dem bayerischen Bildungsgrundsatz von ‚Fördern und Fordern‘“.

So formulierte Ministerialdirigent Stefan Graf im Ablehnungsbescheid an die Verwaltungsgemeinschaft Donaustauf vom 16.12.2014, Seite 4. Die VG Donaustauf hatte einen Antrag auf Durchführung eines zeitlich begrenzten Modellprojekts
„Gemeinschaftsschule Donaustauf“ nach Art. 81 ff. BayEUG gestellt. Immerhin hatte er das dem Antrag beiliegende pädagogische Konzept gelesen, in welchem das Sitzenbleiben als nicht zielführende pädagogische Fördermaßnahme beschrieben wird.

Bayern ist Bundessieger beim Sitzenbleiben

Der in unregelmäßigen Abständen aktualisierte Chancenspiegel der Bertelsmann-Stiftung führt Bayern durchgängig und auch 2017 wieder mit einer Quote von 4,8 Prozent als Spitzenreiter der Klassenwiederholungen.

Wie ernst man diese Publikation nehmen muss?  Der Chancenspiegel ist ein gemeinsames Projekt der Bertelsmann Stiftung, des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Technischen Universität Dortmund und des Instituts für Erziehungswissenschaft (IfE) der Friedrich-Schiller-Universität Jena, darf also als wissenschaftlich valide bezeichnet werden.

Klassenwiederholungen verursachen unnötige Kosten

Nun ist das Sitzenbleiben nicht nur eine pädagogische Frage, sondern wirft auch ein Kostenproblem auf. Darauf weist schon eine so neutrale Einrichtung wie das statistische Bundesamt hin. Dieses Geld wäre besser in die individuelle Förderung statt in den hilf- und wirkungslosen Versuch einer Homogenisierung der Schülerschaft investiert.

wiederholer

Hattie-Studie: Sitzenbleiben ist kontraproduktiv

John C. Hattie erkennt beim Sitzenbleiben nicht nur keinen positiven Effekt, sondern sogar einen negativen Wirkungsgrad von d = – 0.16. Er führt dazu weiter aus, dass man kaum eine andere Erziehungspraktik findet, bei der der negative Effekt wissenschaftlich so einmütig bestätigt wird und fragt sich, wie es sein kann, dass die Klassenwiederholung angesichts dieser niederschmetternden Erkenntnisse und der damit verbundenen fehlinvestierten Mittel immer noch bestehen bleibt:

Retention is the practice of not promoting students up a grade level in school (that is, the student repeats the level)… Overall, there are negative effects for students who are retained…

This negative effect increases over time…

Holmes (1989) concluded that it would be difficult to find another educational practice on which the evidence is so unequivocally negative… The only question of interest relating to retention is why it persists in the face of this damning evidence…

… economically, grade retention is a poor use of the education dollar, because it increases the cost of education (…) without any benefits for the vast majority of the retained children… (Hattie 2009, S. 97f)

Weitere Zitate aus der pädagogischen Forschung

Das Argument einer Wald- und Wiesenpädagogik lautet: „Sitzenbleiben hat noch niemand geschadet.“ Wer diesem immer noch anhängt und immer noch nicht glaubt, dass Sitzenbleiben von der pädagogischen Forschung längst als überholt gesehen wird, dem seien hier noch weitere Zitate ans Herz gelegt.

Keine individuelle Verbesserung und keine Profit für die „Homogenisierten“

Klassenwiederholungen führen weder bei den sitzengebliebenen Schülerinnen und Schülern zu einer Verbesserung ihrer kognitiven Entwicklung, noch profitieren die im ursprünglichen Klassenverband verbliebenen Schülerinnen und Schüler von diesem Instrument. Dies belegen alle verfügbaren und bei einer methodenkritischen Überprüfung belastbaren empirischen Studien. Klassenwiederholungen sind daher als unwirksame Maßnahme in den deutschen Schulsystemen anzusehen. (Klemm 2009, S. 5)

Kosten

Die vorliegende Studie zeigt, dass in Deutschland Jahr für Jahr mehr als 0,9 Milliarden Euro (931 Millionen Euro) für Klassenwiederholungen ausgegeben werden…

Eine Abkehr von dem teuren aber unwirksamen Instrument der Klassenwiederholung ist notwendig, um die damit verbundenen jährlichen Zusatzausgaben von einer Milliarde Euro in wirksame Maßnahmen zur individuellen Förderung der Schülerinnen und Schüler investieren zu können. (Klemm 2009, S. 5f)

Klassenwiederholungen haben keine nachhaltige Wirkung

Im Gegensatz zu den Erwartungen, die mit dem Einsatz von Klassenwiederholungen verbunden werden, kommt die empirische Schulforschung bezüglich der Wirkung von Klassenwiederholungen zu einem überwiegend kritischen Urteil. Folgt man den zusammenfassenden Darstellungen von Tillmann/Meier (2001, S. 468 ff.) und Krohne/Tillmann (2006), so belegen die deutschen Studien, dass Klassenwiederholungen bei den Repetenten keinen nachhaltigen Effekt haben. (Klemm 2009, S. 7)

Deutschland leistet sich eine Verschwendung von Potenzialen

Schon unter ökonomischen Gesichtspunkten leistet sich Deutschland eine Verschwendung von Leistungspotentialen und auch – im Falle von Sitzenbleiben – von Lebenszeit der Heranwachsenden. (Valtin 2005, S. 245)

IDW: Jetzt nicht investierte Gelder tauchen mit Faktor sieben wieder auf

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft hat sich zu Wort gemeldet und vorgerechnet, dass jeder Euro, der nicht in Bildung und Schule investiert wird, bei den Unterstützungssystemen für die schulisch Erfolglosen mit dem Faktor 7 wieder auftaucht, von den Milliarden zu schweigen, die durch das unsinnige und wirkungslose Nicht-Versetzen von Schülern vergeudet werden. (Herrmann 2009a)

Kosten des Sitzenbleibens: 15000 – 18000 Euro

Das Sitzenbleiben ist ein anderes Thema. Ein Jahr Wiederholung kostet die Gesellschaft zwischen 15.000 und 18.000 Euro. Und es bringt weder dem Einzelnen noch der Schule etwas. Dagegen könnte eine Schule mit 15 000 Euro sehr viel tun, um einen Schüler wirklich individuell zu fördern! Es mangelt also gar nicht unbedingt am Geld, sondern es sind diese Organisationsformen, die dazu führen, dass Verantwortung abgewälzt wird. In anderen Ländern, eben in Skandinavien zum Beispiel, gibt es das Sitzenbleiben nicht, da sind die Schulen gezwungen, mehr Verantwortung für ihre Schüler zu übernehmen.  (Schleicher 2007)

 

Klassenwiederholungen vermeiden!

Zur Förderung leistungsschwacher Schüler gehört es, ihr weiteres Abdriften nach unten wirkungsvoll insbesondere dadurch zu unterbinden, dass Klassenwiederholungen vermieden werden und individuelle Förderung gewährleistet wird. (Blossfeld 2007, S. 146)

Erwünschte Effekte des Sitzenbleibens treten nicht ein

Die bisher veröffentlichten PISA-Analysen zum Sitzenbleiben (vgl. Tillmann/Meier 2001; Schümer/Tillmann/Weiß 2002) haben neben diesem internationalen Vergleich vor allem auf schulform- und länderspezifisch unterschiedliche Sitzenbleiberquoten im deutschen Schulsystem verwiesen. Sie haben zudem durch einen Vergleich der Leistungen von Sitzenbleibern und Nicht-Sitzenbleibern aufgezeigt, dass die erwünschten Fördereffekte des Sitzenbleibens weitgehend ausbleiben (vgl. Tillmann/Meier 2001, S. 474; kritisch dazu: Roeder 2003, S. 190ff.). (Krohne et al. 2004, S. 374)

Quellen

Blossfeld, Hans-Peter (2007): Bildungsgerechtigkeit. 1. Aufl. Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss (Aktionsrat Bildung: Jahresgutachten, 2007).

Hattie, J. (2009). Visible learning. A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. London: Routledge.

Herrmann, Ulrich (2009a): Förderung und Selektion: Der Zielkonflikt der Schulpolitik und seine gesamtgesellschaftlichen Folgen. Humanwissenschaftliches Zentrum der LMU. München, 08.06.2009

Klemm, Klaus (2009): Klassenwiederholungen - teuer und unwirksam. Eine Studie zu den Ausgaben für Klassenwiederholungen in Deutschland. Bertelsmann Stiftung. Gütersloh

Krohne, Julia A.; Meier, Ulrich; Tillmann, Klaus-Jürgen (2004): Sitzenbleiben, Geschlecht und Migration - Klassenwiederholungen im Spiegel der PISA-Daten. In: Zeitschrift für Pädagogik (50), S. 373–391

Schleicher, Andreas (2007): „Die Schulen wälzen die Verantwortung ab“. Interview mit Karl-Heinz Heinmann. schule.wdr.de. Online verfügbar unter http://www.netschool.de/ens/schleicher1.htm

Valtin, Renate (2005): Länger gemeinsam lernen - eine notwendige, aber nicht hinreichende bildungspolitische Forderung. DIPF. Frankfurt am Main. Online verfügbar unter http://www.pedocs.de/volltexte/2010/1438/pdf/laenger_gemeinsam_lernenpdf.

 

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