Neusprech #3: „Mittelschule“

Es war einmal die Hauptschule. Als sie immer mehr Schüler verlor, beschloss der bayerische Kultusminister eine Reform und erklärte sie fortan zur „Mittelschule“.

Die Idee war nicht schlecht, denn „Mittelschule“ hieß bis 1964 die Realschule; der Begriff suggeriert also einen Schultyp, der wertiger ist als die Hauptschule und versucht, deren schlechtes Image loszuwerden.

Seither verkaufen das Kultusministerium und die CSU die Mittelschule als Erfolgsmodell. Faktenwidrig erklärte schon mal ein Mitarbeiter des KM, dass das Sterben dieser Schulart nunmehr gestoppt sei, wovon keine Rede sein konnte; ging es doch lediglich langsamer vonstatten als bis dato.

Nun gilt definitorisch – das ist als Vermehrung dem Brotwunder Jesu fast gleichzusetzen – eine Mittelschule mit weit weniger als 100 Schülern auch dann als „mehrzügig“, wenn sie nicht mehr alle Klassen bilden kann. Der Trick: Als Mitglied in einem Schulverbund, der insgesamt mehrzügig ist, geht diese Eigenschaft auch noch auf die kleinste Mittelschule über!

Allein, die Eltern lassen sich einfach nicht von der Qualität der Mittelschule überzeugen. Die CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag hatte 2014 bei dimap eine Studie in Auftrag gegeben. Eines der Ergebnisse zeigt diese Seite:

dimap

Die Mittelschule befindet sich leider am unteren Ende dieser Zufriedensheitsskala. Das kann nach meiner persönlichen Auffassung keine Aussage über die Qualität der pädagogischen Arbeit der Mittelschullehrer sein, sondern ist einzig und allein eine Frage der möglichen Abschlüsse. Der Mittelschulabschluss ist offensichtlich in den Augen der Eltern nicht so werthaltig wie die Mittlere Reife oder die unterschiedlichen Formen der Hochschulreife. Die Mittelschule wird offensichtlich immer noch als Sackgasse wahrgenommen.

Zitate

Ohne seine Erwartungen explizit zu benennen, äußert Spaenle, dass seine Erwartung an die Mittelschule voll erfüllt seien. Die Befragten allerdings sind in ihrer großen Mehrheit anderer Meinung. Verbesserungen für die Schüler, z.B. mehr individuelle Förderung, weniger Notenstress, mehr freiwillige Angebote nach Interesse der Schüler, kürzere Schulwege, verbesserte Aufstiegschancen u. v. a. m. haben sich mit der Mittelschule für 84% der befragten Lehrkräfte nicht eingestellt. Nur 11% sehen Verbesserungen für die Schüler.
Noch deutlicher wir die Ablehnung, wenn der Bezug zu den Lehrkräften hergestellt wird. 91% empfinden durch die Einrichtung der Mittelschulen keine Verbesserungen für sich und ihre Möglichkeiten einen qualitätsvollen Unterricht zu halten bei einem erträglichen Umfang an Arbeitsbelastung. (Hüfner 2013, S. 23)

 

Im Gegensatz zum Minister haben sich für die Befragten die Erwartungen nicht erfüllt, weder mit Blick auf die Möglichkeiten einer besseren Förderung der Schüler (84%) noch in Bezug auf Verbesserungen für die Lehrkräfte (91%). Diese hohe Unzufriedenheit könnte letztlich auch die Erwartungen und Hoffnungen des Ministers eintrüben. Als Erfolgsmodell vom Ministerium gepriesen, können 77% der Befragten dieser Einschätzung in keiner Weise folgen. (Hüfner 2013, S. 26)

 

Literatur
Hüfner, G. (2013, 21. Januar). Die bayerische Mittelschule - Zwischenbilanz 2012. Eine große Kluft zwischen Verlautbarungen des Kultusministers und der Schulpraxis. Eine Befragung von Mittelschullehrkräften. München: BLLV.

 

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